11 MEN OUT
(STRÁKARNIR OKKAR)
ein Film von Róbert I. Douglas

IS / GB / SF 2005

90 Minuten, Farbe, Cinemascope, Deutsche Fassung

Bundesstart: 2. August

Internationale Filmfestspiele Berlin 2006, Panorama



 

KURZINHALT
Óttar, der Stürmerstar des isländischen Fußball-Erstligisten KR, verkündet öffentlich sein Schwulsein – und stürzt damit den isländischen Fußball und seine eigene Familie ins Chaos. Erst am Tag der Gay-Pride-Parade wird er wieder auf seine alte Mannschaft treffen – nun als Stürmer des „Pride United Reykjavík“.



Top >>

DER FILM
Óttar Þór ist der unangefochtene Star des Reykjavíker Fußballerstligisten KR. Das Lifestyle-Magazin MANLIFE plant eine Story über ihn, doch der eitle Stürmer muss einsehen, dass sein gerade verwandelter Elfmeter ihn nicht auf die Titelseite bringt – welcher stilbewusste Isländer interessiert sich schon für Fußball?

Also verkündet er der erstaunten Journalistin in der Kabine vor seinen Mannschaftskollegen mal eben, was er selbst gerade erst herausgefunden hat: der verheiratete Vater eines pubertierenden Sohnes, Traum aller jugendlichen Autogrammjäger, Meisterschütze und Sohn eines KR-Aufsichtsratsmitgliedes ist schwul.

Seine Mitspieler halten das zunächst für einen Scherz und ziehen sich schnell was über.

Dennoch trifft die Frage, die sie an Ottar richten: „Für wen hältst du dich, glaubst du, du bist was Besonderes?“, ins Schwarze.

Dass ein schwuler Fußballer was Besonderes ist, erfährt Óttar sehr schnell. Vor allem in einem Land, das einen besonderen Männlichkeitskult pflegt. Wozu vor allem gehört: wenig reden, viel trinken und Frauen nach Möglichkeit zum Schweigen zu bringen. Da kann der Fußballpsychologe noch so sehr behaupten, ‚wissenschaftlich' gesehen sei jeder zweite Mann schwul, für den Aufsichtsrat des KR und Óttars Familie ist Homosexualität eine womöglich ‚ansteckende Schweinerei'.

Óttars Ex-Frau Gugga und sein Sohn Magnús erfahren erst nach den Mannschaftskollegen und der Presse die Neuigkeit. Was der ohnehin durch Guggas Alkoholismus und Magnús' Pubertät belasteten Kleinfamilie zunächst einmal den Rest gibt. Sein Bruder Orri, der in einer Videothek arbeitet, kennt wenigstens PHILADELPHIA – den „Film mit dem mutigen Homo, der am Schluss abkratzt“.

Beim KR wird Óttar vom Training suspendiert – angeblich zum Schutz der Kinder und Jugendlichen. Da kommt ihm das Angebot des alten Freundes Pétur, zu einem Amateurverein überzuwechseln, nur recht. Als er erfährt, dass dort auch zwei andere Schwule mitspielen, bestellt er erst mal einen ‚Hard & Sweet', geht zum nächsten Training und verliebt sich direkt in einen Mitspieler.

Das Team erlebt durch Óttars Engegement einen ungeahnten Aufschwung:

Man erfährt vom überproportional hohen Anteil schwuler Spieler, immer mehr Heteros verlassen die Mannschaft, talentierte neue Spieler tauchen auf, die T-Shirts wie „I did Beckham“ tragen, andere Mannschaften trauen sich nicht mehr, gegen die ‚Homos' anzutreten, und plötzlich steht man mit dem neuen Namen „Pride United Reykjavík“ als Amateurligen-Meister da.

Was Óttars private Probleme nicht geringer macht. Sein Sohn wird in der Schule gehänselt, seine Frau lässt sich völlig gehen, aber auch sein Freund verlässt ihn, weil Óttar am liebsten nur in den eigenen vier Wänden schwul ist. „Du denkst immer nur an dich!“, wirft Magnús ihm vor, als auch noch das MANLIFE-Heft erscheint, mit seinem Vater auf der Titel-Seite. Jetzt wissen sogar die Fischer in Rauferhöfn, welche Mannschaft da bei Ihnen zum Auswärtsspiel erscheint.

Der KR hat zwischenzeitlich andere Probleme: sie verlieren nur noch und haben ohne Stürmerstar keine Werbeeinnahmen mehr. Also soll Óttar jetzt doch zurückkommen – man muss ja alles nur „gut vertuschen“. Dazu aber ist er nicht bereit – er will ein Match Pride United gegen den KR, und das zur Gay Pride Parade in Reykjavík.

Endlich steht ein glückliches Coming-Out in Aussicht: mit Unterstützung seiner Frau (die eine Entziehungskur hinter sich gebracht hat), seines Sohnes (der dank ‚Gleichberechtigungs-Unterricht' kein Schwulenhasser geworden ist) und sogar seines Vaters, der endlich Ruhe will im „Irrenhaus“, läuft Óttar gegen seine alte Mannschaft auf. Und verliert natürlich am Ende 0:8. Schwulsein heißt ja nicht automatisch, dass man besser Fußball spielen kann.

Am Ende bleibt die Weisheit des Trainers übrig, die alle Spaltungen rückgängig macht und alle Gräben schließt: „Es ist doch einfach nur Fußball – ein Mann, ein Ball!“


Top >>

SCHWULE AUF ISLAND
„Mein Film erklärt, was es bedeutet, als Schwuler in einer so vom Machismo geprägten Gesellschaft wie der isländischen zu leben, samt ihrem stereotypen Bild vom Mann als hart arbeitendem und ebenso hart trinkendem Fischer“, sagt Regisseur Róbert I. Douglas.

Dieses Männerbild ist in 11 MEN OUT ziemlich präsent: da wird bei jeder Gelegenheit die Whiskyflasche aus dem Versteck geholt, die Frauen haben nie was zu sagen, die Männer imitieren das Image des schweigsamen Cowboys und unter sich prahlen sie mit ihren Verführungskünsten.

Ansonsten ist Tristesse angesagt: Dauerregen, Betonhochhäuser, Videotheken für die Erwachsenen, Counterstrike-Turniere für die Jugendlichen und ein allgemeines Abhängen in Kneipen zu schmalziger Live-Schlagermusik.

Die Schwulen in 11 MEN OUT bilden meistens keine Ausnahme – obwohl es durchaus eine (übersichtliche) Szene in Reykjavík gibt. Die einzige Schwulenkneipe im Film heißt zwar schlicht „Gay Bar“, aber immerhin gibt es eine Gay-Pride-Parade und man hat mal die Möglichkeit, „I am what I am“ auf Isländisch gesungen zu hören.

Und natürlich wird im Film entschieden mehr geduscht als Fußball gespielt...



Top >>

SCHWULE IM FUSSBALL
Wer auch immer verkündet, dass Schwulsein heutzutage gesellschaftlich kein Problem mehr sei, den möge man auf den Spitzensport verweisen.

Obwohl statistisch einer von elf Spielern schwul sein müsste und man allein in der Bundesliga fast 2 komplett schwule Mannschaften zusammenstellen könnte, gibt es bis heute keinen einzigen ‚geouteten' deutschen Profifußballer.

Homophobe Äußerungen aus den Fanblöcken, wahrscheinlich auch in der eigenen Kabine, sind alltäglich, der Druck des Sportbusiness ist enorm und der Sportler riskiert im Falle eines Outings, nicht mehr an seinen sportlichen Leistungen, sondern nur noch an seiner sexuellen Orientierung gemessen zu werden.

Die Tabuisierung der Homosexualität im Fußball geht allerdings sogar so weit, dass auch nach dem Karriereende bislang kein Sportler den Mut hatte, sein Schwulsein öffentlich zu machen.

Profifußballer riskieren ihre Karriere, wenn sie versuchen, schwule Beziehungen aufzubauen oder andere Männer über Onlineportale zu treffen. Man weiß von Agenturen, die ihnen für gesellschaftliche Anlässe Damenbegleitung vermitteln – auch eine Scheinheirat ist eine ernsthafte Option. Journalisten, die von der verheimlichten sexuellen Orientierung der Sportler wissen, halten dicht und kommen so leichter an Insiderinformationen. Die Möglichkeit der Erpressung liegt auf der Hand.

Bekannt geworden ist der Fall des Briten Justin Fashanu. Er ist der einzige Profifußballer weltweit, der sich geoutet hat. Ein Magazin bezahlte ihm damals viel Geld für die Schlagzeile, und obwohl Fashanu nach kurzer Zeit seine Karriere beendete, war er noch Jahre später ein Thema für die Boulevardblätter. Nach einer Hetzkampagne aufgrund vermeintlicher sexueller Belästigung eines Minderjährigen, die sich wenig später als dubiose Verleumdung herausstellte, erhängte sich der Fußballer in seiner Garage.

Angesichts des großen, meist voyeuristischen Interesses an dem Thema Homosexualität im Fußball ist die Angstschwelle entsprechend groß, sich zu seinem Schwulsein zu bekennen.

Bei den lesbischen Sportlerinnen ist das nicht großartig anders. Obwohl es dort intern viel selbstverständlicher ist, zur eigenen sexuellen Orientierung zu stehen, gilt nach außen genauso wie bei den Männern die Auflage, über dieses Thema nicht zu sprechen und die Öffentlichkeit zu täuschen.

Grund für diese besondere Tabuisierung der Homosexualität sehen Wissenschaftler vor allem im außergewöhnlich betonten körperlichen Aspekt des Sports – gerade, wo Berührungen, Umarmungen o.ä. leicht ‚erotisch' oder ‚sexuell' wirken könnten, muss klar sein, dass dies auf keinen Fall schwul oder lesbisch konnotiert werden kann.

Angelehnt an die auch von den Offiziellen des Fußballbusiness unterstützten Kampagnen gegen rassistische Äußerungen auf dem Fußballplatz versucht das ‚Bündnis aktiver Fußballfans' (BAFF) seit einiger Zeit, diese Diskussion auch auf Sexismus und Homophobie auszuweiten. Auch viele, mittlerweile gut organisierte lesbische und schwule Fans wie die ‚Hertha Junxx' unterstützen dieses Anliegen. Für den DFB ist das allerdings nach wie vor kein Thema. Hier geht man noch nach außen hin davon aus, dass es keine schwulen Spieler gibt – also seien anti-homophobe Kampagnen nicht zwingend.

Im Dezember 2006 erschien eine Ausgabe des Magazins RUND mit dem Titel: „Einer von elf Profis ist schwul. Das riskante Leben eines homosexuellen Spielers – ‚ein Outing wäre mein Tod'“ und sorgte für einigen Wirbel. In zweijähriger Recherche konnten die Journalisten drei schwule Bundesliga-Profis ausfindig machen, zu ihrem verheimlichten Leben befragen und inkognito zitieren. Ihr Leidensdruck erscheint enorm – in einem Fall ist noch nicht einmal die Ehefrau eingeweiht.

Ändern wird sich an dieser Situation wahrscheinlich erst etwas, wenn sich der erste Profifußballer oder Ex-Fußballer outet – und den Medienrummel riskiert und aushält.


Top >>


TEAM
Regie: Róbert I. Douglas
Buch: Jón Atli Jónasson, Róbert I. Douglas
Kamera: G. Magni Áugústson
Schnitt: Ásta Briem
Ton: Vilhjálmur Goði Friðriksson
Musik: Bardi Johannsson
Ausstattung: Konrad Haller
Herstellungsleitung: G. Elín Arnardóttir
Produzenten: Július Kemp, Ingvar Thórolarson
Co-Produzenten Mike Downey, Sam Taylor, Markus Selin, Jukka Helle
Eine Koproduktion von Film and Music Entertainment, London / Solar Films, Helsinki
mit Icelandic Film Company

im Verleih der Edition Salzgeber, mit freundlicher Unterstützung durch das MEDIA Plus Programm der Europäischen Union

Darsteller:
Björn Hlynur Haraldsson: Óttar Þór
Helgi Björnsson: Pétur
Arnmundur Ernst: Magnús
Lilja Nóttþórarinsdóttir: Gugga
Sigurður Skúlason: Eiríkur
Björk Jakobsdóttir: Lára
Þorsteinn Bachmann: Georg
Pattra Sriyanonge: Rósa
Ingi Hilmar Jónsson: Victor
Felix Bergsson: Dómari
Nanna Ósk Jónsdóttir: Samsidanith
Stefán Jónsson: Ásgrímur
Pétur Einarsson: Björgvin
Elli Jóhannesson: Gunnar
u.a.


Top >>


LINKS
Jüngste Artikel zum Thema ‚Schwule Fußballer':

www.3sat.de/kulturzeit/themen/108360/index.html

www.rund-magazin.de/home/news/edd2b5fb-87b9-4310-afe4-f333df0f35e2

www.fr-online.de/in_und_ausland/sport/aktuell/?em_cnt=1154835

www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,druck-324932,00.html

Homepage von BAFF: http://aktive-fans.de

Schwule Szene auf Island: www.gayice.is


Top >>

 

PRESSEBILDER



Top >>





Stand 07/07 - Irrtümer vorbehalten