EIN LIED FÜR ARGYRIS
ein Film von Stefan Haupt
CH 2006, 105 Minuten, Dolby Digital, Originalversion (Schweizerdeutsch,
Deutsch, Griechisch, Französisch)
mit deutschen Untertiteln
Publikumspreis Thessaloniki Documentary Film Festival 2007
nominiert für den Schweizer Filmpreis 2006
Bundesstart 17. Mai 2007
KURZINHALT
DISTOMO, ein kleines Bauerndorf in Griechenland. Hier überlebt
der kaum vier Jahre alte Argyris ein Massaker der Nationalsozialisten,
bei dem er seine Eltern und 30 weitere Angehörige verliert. Die
ganze Unfassbarkeit des Krieges – wie lebt man mit einer solchen
Geschichte? Argyris Sfountouris, mittlerweile 66 Jahre alt, ein Mann
von gewinnendem Charme und melancholischer Heiterkeit, hat sich Zeit
seines Lebens mit dem Wahnsinn auseinandergesetzt, der ihm als Kind
widerfahren ist.
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INHALT
10. Juni 1944. Distomo. Ein kleines Bauerndorf,
ein Steinwurf vom Meer entfernt, an der Strasse von Athen nach Delphi.
Hier überlebt der kleine Argyris, noch keine vier Jahre alt, am
10. Juni 1944 ein brutales Massaker der deutschen Besatzungsmacht: eine
so genannte „Sühnemaßnahme“ einer SS-Division
als Reaktion auf einen Partisanenangriff in der Gegend. Innerhalb von
weniger als zwei Stunden werden 218 Dorfbewohner umgebracht –
Frauen, Männer, Greise, Kleinkinder und Säuglinge. Argyris
verliert seine Eltern und 30 weitere Familienangehörige. Mehrere
Jahre verbringt der Knabe in Waisenhäusern rund um Athen, unter
Tausenden von Kriegskindern. Da taucht eines Tages eine Delegation des
Roten Kreuzes auf und sucht eine Handvoll Kinder aus für eine weite
Reise in ein fernes Land. Argyris will unbedingt mitgehen. Und so kommt
er in die Schweiz, ins Kinderdorf Pestalozzi nach Trogen. Jahre später
promoviert er an der ETH Zürich in Mathematik und Astrophysik.
Bald schon unterrichtet er an Zürcher Gymnasien, beginnt griechische
Dichter ins Deutsche zu übersetzen, und arbeitet später mehrere
Jahre, auch mit dem Schweizerischen Katastrophenhilfekorps, als Entwicklungshelfer
in Somalia, Nepal und Indonesien. Seit er wieder nach Europa zurückgekehrt
ist, reist er häufiger zwischen der Schweiz und Griechenland hin
und her – und die Aufenthalte in der alten Heimat werden immer
länger. Ein Film über den Umgang mit persönlicher Trauer,
– und über den Umgang mit historischer Schuld.
Ein Film über die schier unlösbaren Schwierigkeiten einer
wirklichen Aussöhnung, über die Suche nach Frieden –
eine Reise mit offenem Ausgang.
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ANMERKUNGEN
DES REGISSEURS ZUR ENTSTEHUNG DES FILMS
Kennen gelernt habe ich Argyris Sfountouris
vor über zehn Jahren. Was mich an Argyris auf Anhieb beeindruckte,
war seine Sensibilität, sein wacher Geist, seine "Universalität".
Und sein heiteres Wesen, das in krassem Gegensatz zu seiner Lebensgeschichte
stand, die er mir nach und nach erzählte, – und die mich
nicht mehr losließ. Eine Lebensgeschichte, die für mich wie
zu einem Brennglas wurde, in dem sich aktuelle Fragen und Themen unserer
Zeit fokussieren. Wenige Jahre später, im Frühjahr 2003, waren
wir auf Kreta in den Ferien bei der Familie meiner Frau, die Griechin
ist; kurz zuvor waren die Amerikaner im Irak einmarschiert. Ich begann
darüber nachzudenken, Argyris’ Lebensgeschichte als Ausgangspunkt
für ein Filmprojekt zu nehmen.
Und dann passierte etwas Einschneidendes. Wir gerieten als Familie auf
einem Schnellboot zwischen Santorini und Heraklion, zusammen mit 160
weiteren Passagieren, in den Abendstunden auf hoher See in ein heftiges
Gewitter. Eine haushohe Welle schlug plötzlich über unserem
Schiff zusammen, Wasser drang ins Schiff. Augenblicklich wurde es eiskalt
und totenstill im Passagierraum. Der Kapitän sandte SOS-Signale
aus. Das Schnellboot schaukelte nur noch. Alle erbrachen sich. Es wurde
Nacht.
Eine Erfahrung, wie ich sie bis dahin nicht gekannt hatte. Als wir in
unseren Schwimmwesten hinten im Passagierraum eng nebeneinander auf
dem Boden saßen – als Gegengewicht zum Schiffsbug, der halb
unter Wasser war – schossen mir unablässig und ungeordnet
Bilder, Gefühle, Gedanken durch den Kopf. Es war, als hätte
sich eine Art Fenster geöffnet, ein Zugang zu einer anderen Welt,
die ich nicht gekannt hatte. Angst. Gegen drei Uhr morgens, nach unzähligen
missglückten Versuchen, gelang es den Matrosen, unser Rettungsboot
so an Ketten zu befestigen, dass es hochgehievt und wir an Bord eines
großen Fährschiffes gebracht werden konnten.
Wenige Tage danach, gerettet, und zurück auf Kreta, rief ich Argyris
an. Ich wollte den Film unbedingt machen. Er sagte sofort zu.
Stefan Haupt
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BIOGRAFISCHE
ANGABEN ZU ARGYRIS SFOUNTOURIS UND ZUM HISTORISCHEN HINTEGRUND
Frühe Kindheit
Argyris Sfountouris wird 1940 in Distomo, Griechenland geboren. Drei
Schwestern sind vor ihm bereits zur Welt gekommen, nun freuen sich die
Eltern über ihren ersten Sohn. Und mit ihnen freut sich der Großvater,
der doch noch einen Enkel bekommt, welcher traditionsgemäß
auf seinen Namen getauft wird: Argyris.
Im April 1941 marschiert die Deutsche Wehrmacht in Griechenland
ein. Als Folge der Besetzung leidet die Bevölkerung in den Städten
schon bald an einer verheerenden Hungersnot. Im bäuerlichen Alltag
hingegen lässt sich unter der Besatzung schlecht und recht leben.
Doch dann bricht am 10. Juni 1944 das nackte Grauen über das Dorf
Distomo herein. Nachdem Soldaten einer deutschen SS-Spezialdivision
die Zugänge zur Ortschaft abgeriegelt haben, beginnt, was die Deutschen
damals eine „Sühnemaßnahme“ nannten: Als Rache
für den Tod einiger Kameraden in einem Gefecht mit griechischen
Partisanen in der Nähe des Nachbardorfes erschießen die deutschen
Soldaten zuerst 12 Bauern und richten dann ein Massaker unter der Dorfbevölkerung
an. Sie ermorden über 200 Einwohner, darunter auch Säuglinge,
Kinder, schwangere Frauen und die Ältesten des Dorfes. Argyris
verliert seine Eltern und weitere 30 Familienangehörige. Das Massaker,
das nur vier Tage nach der Invasion der Alliierten in der Normandie
(6. Juni 1944) stattfindet, gilt als eines der schlimmsten seiner Art.
Im Waisenhaus
Der Junge, noch keine vier Jahre alt, kommt in ein Waisenheim nach Piräus,
wo weit über tausend Kriegswaisen untergebracht sind. Weil er bis
auf die Knochen abgemagert ist, wird er in ein kleineres Waisenhaus
am anderen Ende Athens gebracht. Hier ist eine bessere, individuellere
Betreuung möglich, doch auch hier kann er, magenkrank, seine Nahrung
kaum verdauen. Auch die äußere Bedrohung ist keineswegs gebannt:
während der Weltkrieg zu Ende geht, beginnt in Griechenland ein
jahrelanger Bürgerkrieg zwischen den linken Partisanenverbänden
und rechten, paramilitärischen Einheiten, die der Regierung nahe
stehen und von den Briten und später den Amerikanern unterstützt
werden – denn die Kommunisten dürfen auf keinen Fall zur
stärksten Kraft im Land werden. Erste Vorboten des Kalten Krieges.
Doch dann, mittlerweile ist Argyris achteinhalb Jahre alt, taucht eine
Delegation des Roten Kreuzes im Waisenhaus auf und wählt eine Reihe
von Kindern aus, die auf eine Reise in die Schweiz geschickt werden
sollen, ins Kinderdorf Pestalozzi nach Trogen, ein Dorf mit Kindern
aus ganz Europa, ein "unversehrtes" Land, eine neue Zukunft.
Fern der Heimat – neue Heimat
Für die Nachkriegsschweiz gilt das Kinderdorf Pestalozzi als Verkörperung
eines schweizerischen Ideals schlechthin: Hier soll humanitäres
Engagement in die Tat umgesetzt werden, hier soll geholfen werden, die
Wunden des Krieges zu heilen, das Zusammenleben und die Versöhnung
verschiedener Volksgruppen im Herzen Europas zu ermöglichen. Nach
anfänglich erbittertem Widerstand gibt es neben den polnischen,
ungarischen, griechischen, italienischen, englischen und französischen
Häusern bald auch ein deutsches Haus, das vorerst vom Schweizer
Heimleiter Arthur Bill geleitet wird – deutsche Kinder sind geduldet,
deutsche Erwachsene hingegen werden erst Jahre später im Dorf akzeptiert.
Langsam wieder zu Kräften kommend, fällt Argyris schon bald
als hochintelligentes Kind auf, kann in der Folge das Gymnasium in Trogen
besuchen und geht nach der Matur nach Zürich, wo er an der ETH
Mathematik, Kernphysik und Astrophysik studiert. Als junger Physiklehrer
beginnt Argyris, Gedichte und Essays zu schreiben. Längst denkt,
spricht und schreibt er in Deutsch – was ihm bei Besuchen in seinem
Heimatdorf den stummen Vorwurf einträgt, ein Verräter zu sein…
Und er beginnt damit, die Dichter und Schriftsteller seiner Heimat (Kazantzakis,
Kavafis, Seferis, Ritsos und viele andere) in die deutsche Sprache zu
übersetzen.
Die Militärdiktatur in Griechenland
Dann, 1967, putschen die Obristen in Griechenland. Eine brutale Militärjunta
etabliert sich. Über 100.000 Landsleute – politisch Andersdenkende,
Intellektuelle, Schriftsteller, Musiker wie beispielsweise Mikis Theodorakis,
Kommunisten – werden in den folgenden sieben Jahren verfolgt,
auf einsame Gefängnisinseln verschifft, inhaftiert, gefoltert.
Zusammen mit Zürcher Studenten und Politikern organisiert Argyris
bereits einen Monat nach der Machtübernahme eine Kundgebung „Gegen
die Diktatur in Griechenland“, an welcher auch Max Frisch und
August E. Hohler sprechen. Er gibt in Zürich die Kulturzeitschrift
PROPYLÄA heraus, in der er neue Dichtungen und Werke publiziert,
die in Griechenland verboten sind. Er sieht darin seine Möglichkeit,
für die Wiederherstellung der Demokratie in der Heimat zu kämpfen;
1970 erhält er dafür eine Ehrengabe des Zürcher Regierungsrates.
Nur dank der telefonischen Warnung eines Cousins sagt er eine geplante
Reise nach Athen in letzter Minute ab – auch er wäre sonst
den Säuberungsaktionen der Militärs zum Opfer gefallen. Denn
in Griechenland steht er längst auf der schwarzen Liste. Sein Pass
wird ihm deshalb auf dem griechischen Konsulat in Zürich nicht
mehr erneuert. Und einen Schweizer Pass besitzt er nicht, denn für
die Abgänger des Kinderdorfes ist vorgesehen, dass sie wieder in
ihre Heimat zurückkehren. Fortan sind ihm alle Reisen untersagt;
die Schweiz, sein Gastland, ist ihm zum Exil geworden. Und so stellt
er einen Einbürgerungsantrag, dem erst 52 Monate später stattgegeben
wird – auch in der Schweiz gibt es über den jungen Mann mittlerweile
eine Akte...
Der Kosmopolit
Mit 40 Jahren folgt ein radikaler Bruch: Argyris entscheidet sich, in
der Entwicklungshilfe tätig zu werden, belegt an der ETH Zürich
ein Nachdiplomstudium für Entwicklung und Zusammenarbeit (NADEL)
und verbringt in der Folge mehrere Jahre in Somalia, Nepal und Indonesien,
wo er in einem Projekt beim Aufbau von Fachhochschulen mitwirkt. Später
wird er diese Zeit als die schönste seines Lebens bezeichnen: „als
ob die Vergangenheit und all das Tragische, das ich erlebt hatte, dort
irgendwie aufgehoben, jedenfalls nicht so abgelehnt, tabuisiert oder
verdrängt war. Es gehörte zum Leben, ohne dass es wehtat.“
Wiedervereinigung – Wiedergutmachung
1990, zurück in Europa, ist unterdessen die Berliner Mauer gefallen.
Mit der Wiedervereinigung Deutschlands ist eine neue, hochbrisante rechtliche
Situation eingetreten. Denn erstmals, fast 50 Jahre nach Kriegsende,
könnte es möglich werden, Entschädigung für das
im Krieg erlittene Leid einzufordern. Anlässlich des 50. Jahrestages
des Massakers von Distomo organisiert Argyris 1994 in Zusammenarbeit
mit der Gemeinde Distomo im Europäischen Kulturzentrum in Delphi
eine „Tagung für den Frieden“. Unter dem Tagungsthema
„Gedenken – Trauer – Hoffnung“ sollen die Bemühungen
in Deutschland, Griechenland und andernorts zur Wiedergutmachung, zur
Überwindung des Hasses und zur Aussöhnung betrachtet werden.
Insgesamt 19 Referentinnen und Referenten reisen an: Historiker, Journalisten,
Hirnforscherinnen, Sozialpädagogen, Psychoanalytiker, Widerstandskämpfer,
Jugendarbeiter, Rechtsgelehrte aus Athen, Zürich, Berlin und anderen
Städten. Nur eine Gruppe ist nicht vertreten: Trotz intensiver
Bemühungen und Anfragen hat sich kein deutscher Politiker, auch
nicht der deutsche Botschafter in Athen, bereit erklärt, an der
Tagung teilzunehmen. Für Argyris eine herbe Enttäuschung.
Da er um die Brisanz des deutschen Wiedervereinigungsvertrages weiß,
besucht er die deutsche Botschaft in Athen. Dort fragt er an, wie er
seinen Anspruch auf Entschädigung von Kriegsfolgeschäden stellen
kann. Als Antwort erhält er im Januar 1995 einen Brief, in dem
es wörtlich heißt, das Massaker sei als eine „Maßnahme
im Rahmen der Kriegsführung“ zu werten, und somit bestehe
kein Anspruch auf Entschädigung.
Die Klage
Kurz entschlossen reicht Argyris zusammen mit seinen drei Schwestern
in Deutschland Klage ein. Parallel wird auch in Griechenland selbst
eine Sammelklage von 290 Betroffenen, Angehörigen und Nachfahren
aus Distomo eingereicht. Für Deutschland ist die Thematik äußert
„delikat“. Sollte Argyris’ Klage oder die Sammelklage
aus Distomo am Ende doch Erfolg haben, hätte dies einen entschädigungspolitischen
Dammbruch zur Folge, mit der Konsequenz, dass sich die Bundesrepublik
immensen internationalen Forderungen stellen müsste, die sie bisher
über Jahrzehnte hinweg abwehren und aufschieben konnte. In den
folgenden Jahren weisen sowohl das Landesgericht Bonn, das Oberlandesgericht
Köln als auch der Bundesgerichtshof in Karlsruhe die Klage ab,
paradoxerweise mit teils sich widersprechenden Begründungen. Eine
Verfassungsbeschwerde geht 2003 beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe
ein. Im März 2006 der Entscheid: er ist negativ. Im Juni 2006 wird,
als allerletztes juristisches Mittel, eine Beschwerde beim Europäischen
Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg eingereicht. Die Antwort
steht noch aus.
Wie weiter?
Argyris erlebt einen ermüdenden Wirbel um die Klagen, um Gerichtstermine,
Aktivitäten, Referate an Veranstaltungen und Gegenveranstaltungen.
Ein frustrierendes Gefühl, sich ein weiteres Mal als ohnmächtiges
Opfer wiederzufinden. Zweifel, ob sich das alles gelohnt hat. Kann denn
der Verlust der Eltern, der Raub der Kindheit, je mit Geld aufgehoben
werden? – Die Leere kehrt zurück. Wie weiter? Doch in den
Momenten des Zweifelns kommt beispielsweise auch die Erinnerung an Willy
Brandts ‚Kniefall’ in Warschau hoch. Was für eine ungewohnte
Handlung! Diese körperliche Haltung, diese sprachlose Geste des
deutschen Kanzlers, ein stummes Ritual, das den ganzen herkömmlichen
politischen Kodex unterlief. Dann die Worte: „Ich schäme
mich“, welche das persönliche, das ganz private Gefühl
zu einer politischen Manifestation werden ließ und weltweit eine
ungeheure Wirkung zeigte. Ein Ziel allerdings hat Argyris mehr als erreicht:
Das Massaker von Distomo hat eine Öffentlichkeit und eine späte
Resonanz erhalten, die er nie für möglich gehalten hätte.
Sogar der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hält fest, dass das Massaker
von Distomo eines der abscheulichsten Kriegsverbrechen gewesen sei.
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GEDANKEN
DES REGISSEURS ZUM FILM
Über 60 Jahre sind vergangen seit den Ereignissen, die in
diesem Film geschildert werden, doch wie präsent sind diese Erlebnisse
bei den Menschen, die sie überlebt haben, noch heute? Was wissen
wir über die Wirkung eines derartigen Massakers? Was ist die "Halbwertszeit"
dieses Leidens? Wie lange dauern die Nachbeben solcher Vorkommnisse,
ganz gleich, wo sie verübt werden. Wie leben mit solchen Verletzungen
– mit dem Verlust der Integrität, der Unschuld? Bei der Lebensgeschichte
von Argyris Sfountouris berührt mich, wie tief ihre Wurzeln reichen.
Wie plötzlich tut sich, mitten in einem kleinen, alltäglichen
Leben, ein Abgrund auf. Und wie schnell werden die Fäden gespannt
– aus einem kleinen griechischen Dorf in die Schweiz, nach ganz
Europa, bis ans andere Ende der Welt. Wie sehr ist eine Lebensgeschichte
verknüpft und verwoben: Individuum und Gesellschaft, Heimat und
Exil, Krieg und Frieden, Trauer und Schuld, Herkunft, Gegenwart und
Zukunft. Ob nun bei einem Selbstmordattentat Dutzende, bei einem Bombenangriff
Tausende, oder im Zweiten Weltkrieg insgesamt 64 Millionen Menschen
ums Leben gekommen sind: die angegebenen Opferzahlen werden unfassbar
und seltsam fiktional, und die Schicksale der Menschen virtuell. Sie
erreichen uns nicht. Bei der heutigen medialen Überflutung trifft
uns innerlich etwas, das wir kaum verorten können, und das uns
ratlos zurücklässt. Es ist schwierig und ungewohnt, sich den
Opfern zuzuwenden. Als ob sich tief in uns drin ein seltsames Grundwissen
eingenistet hat, dass es besser ist, sie zu meiden. Opfer-Sein rührt
unheimlich tief. Es ist nicht nur der Schmerz über den Verlust,
die Beraubung der Integrität und Grundsicherheit. Als Opfer warst
du auf der falschen Seite. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein Gefühl
des Lächerlich-Seins; ein Gefühl der Scham, nicht darüber
hinweg zu sein. Unser Interesse gilt normalerweise den Tätern.
Wie kam es dazu, dass sie zu einer solchen Tat fähig waren? Was
waren die Voraussetzungen, die Vorbedingungen? Im stummen Hintergrund
lauert die Frage, ob wir selbst auch dazu fähig wären. Wir
suchen nach Erklärungen und finden dabei Relativierungen. Und es
scheint auch so etwas wie eine Sperre im emotionalen Bereich zu geben,
die es unmöglich macht, sich kritisch mit der eigenen Vergangenheit
auseinander zu setzen. Die Vergangenheit bindet an eine Gemeinschaft.
Und diese Zugehörigkeit darf nicht aufs Spiel gesetzt werden. Die
Bereitschaft zur Selbstkritik könnte bedeuten, aus dieser Gemeinschaft
herauszukatapultieren, ausgestoßen zu werden.
Aus all den unzähligen Schicksalen wählt EIN LIED FÜR
ARGYRIS eines exemplarisch aus – und insistiert darauf. Sobald
ein Schicksal einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte erhält,
wird es fassbar. Der Film ist eine Verneigung vor den Menschen, die
solche Erlebnisse in frühester Kindheit gemacht haben, und dennoch
überleben, dennoch leben wollen, und sich nicht abschotten und
zurückziehen. Diese Suche, diese Sehnsucht liegt dem Film zu Grunde.
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FESTIVALPREISE
Publikumspreis Dokumentarfilmfestival Thessaloniki 2007
nominiert für den Schweizer Filmpreis 2006
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ÜBER
DEN REGISSEUR
Stefan Haupt
Buch und Regie
1961 geboren in Zürich
1978–79 Matura, Musikunterricht, Chorleiter
1985–88 Schauspiel Akademie Zürich (Diplom als Theaterpädagoge)
seit 1989 freischaffend tätig als Filmemacher und Regisseur, lebt
in Zürich
Filmografie
2006 Ein Lied für Argyris
Dokumentarfilm, Drehbuch, Regie und Produktion
2006 Fritz & Love
Drehbuch für einen Kinospielfilm; in Überarbeitung, Regie
und Co-Produktion geplant für 2007
2004 Downtown Switzerland
Dokumentarfilm, Idee, Co-Autor, Co-Regie und Co-Produktion. Molodist
Internationales Filmfestival Kiev, 2005
2003 Moritz
Fernsehspielfilm, 87 min., Co-Autor, Regie,
Co-Produktion. Baden-Baden, Miami u.a.
2002 Elisabeth Kübler-Ross –
Dem Tod ins Gesicht sehen
Dokumentarfilm, Drehbuch, Regie und Produktion.
Nominierung Schweizer Filmpreis 2004 „Bester Dokumentarfilm“,
Qualitätsprämie
des EDI, Molodist Internationales Filmfestival Kiev 2003, Dokfilmfest
München, Doc Aviv, MAX Filmfestival Hongkong 2004 u.a.
2001 Utopia Blues
Spielfilm, Drehbuch, Regie, Co-Produktion.
Schweizer Filmpreis 2002 (Bester Spielfilm, Bester Darsteller), Zürcher
Filmpreis, Studienprämie des EDI, Max Ophüls-Preis 2002 (Bestes
Drehbuch), Grosser Preis Molodist Internationales Filmfestival Kiev
2002, Pusan, San Francisco, Schwerin u.a.
2000 Increschantüm (Heimweh)
Dokumentarfilm, Drehbuch, Regie, Produktion.
1998 I’m just a simple person
Dokumentarfilm, Drehbuch, Regie, Produktion.
Studienprämie des EDI.
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ÜBER
DEN KAMERAMANN
Patrick Lindenmaier
Kamera
1959 Geboren in Zürich
1980–85 Arbeit als Kameraassistent, vor allem bei Pio Corradi
1986–88 Regie und Kamera bei ANDREAS (1989 Filmpreis der Stadt
Zürich und Bundes-Filmförderungspreis,
1998 Filmpreis des Kanton Zürich
Seit 1983 Arbeiten als freier Kameramann, vorwiegend bei Spiel- und
Dokumentarfilmen.
Filmografie (Kameramann, Auswahl)
2002 Elisabeth Kübler-Ross – Dem Tod ins Gesicht sehen
2000 Nur das Blaue vom Himmel
Spielfilm von Claudia Pritzel
1999 Q Begegnung auf der Milchstraße
Dokumentarfilm von J. Neuenschwander
1994 Kräuter und Kräfte
Dokumentarfilm von J. Neuenschwander
1992 Asmara
Dokumentarfilm von Paolo Poloni
1991–1993 Kongress der Pinguine
Dokumentarfilm von H. U. Schlumpf
1990 Dreißig Jahre
Spielfilm von Christoph Schaub
1988 Schlaflose Nächte
Spielfilm von Marcel Gisler (Bronzener Leopard Locarno 1989)
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SFOUNTOURIS
ARGYRIS
Pseudonym: Nikos Damianos
6.9.1940 geboren in Distomon (Griechenland)
Berufliche Ausbildung Dipl. Physiker ETH Zürich.
Studium der Pädagogik, Philosophie, Ökonomie.
Gymnasiallehrer bis 1980. Einsätze Entwicklungszusammenarbeit und
Katastrophenhilfe.
Preise: Ehrengabe des Kantons Zürich 1970.
Veröffentlichungen (Auswahl)
· Sternbilder, Blicke in den Nachthimmel
Ex Libris, Bern, 1984
· Kometen, Meteore, Meteoriten,
Müller, Rüschlikon, 1986
· Stummer Dialog, Sieben Texte zu sechs Holzschnitten von Zaverdinos
Zoys Dionisis
Kunstmappe, Zürich, 1987
· Utopie Heimat
cfd, Bern, 1992
· Das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen und sein griechischer Dichter
(mit Arthur Bill),
Haupt, Bern, 1996
· Der Pass
UA Kammertheater Stok, Zürich, 1973
· Der griechische Lyriker Nikiforos Vrettakos
gesendet: HR, Ffm, 1968
· Literatur und Widerstand, Griechenland 1967–1972
gesendet: DRS, Zürich,1972
Übersetzungen
Nikos Kazantzakis: Askese
Texte (v.a. Gedichte) von Kazantzakis, Vassilikos, Ritsos, Samarakis,
Vrettakos, Kavafis, Seferis, Elytis in div. Zeitschriften (NZZ, Tages
Anzeiger u.v.a.) und Sammelbänden.
Salvatores Dei, Metakommunistisches Manifest,
Arche, Zürich, 1973
Div. Fotoausstellungen Bilder und Tagebücher aus der Dritten Welt
und Lesungen in Zürich, Winterthur, Bandung (Indonesien) u.a.
d i s t o m o
o r t d e r m ä r t y r e r
o r t d e s f r i e d e n s
Nikofóros Vrettákos
Für die Mordopfer von Dístomo
Wir vergessen euch nicht.
Unsere Herzen sind ein grenzenloser Auferstehungsacker.
Blutüberströmt wart ihr,
übersät mit Einschusslöchern und Erdkrumen,
wir haben euch gewaschen, angekleidet.
Könnt unser Schweigen ihr vernehmen, so erhört es,
Schwestern und Brüder. Vergebet uns.
Wir vergessen euch nicht!
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JURISTISCHER
HINTERGRUND ZU DEN GRIECHISCHEN REPARATIONSFORDERUNGEN
Im Pariser Reparationsabkommen von 1946 waren die deutschen Kriegsschulden
gegenüber Griechenland auf 7,1 Mrd. US-Dollar beziffert worden.
Wenige Jahre später, im Zeichen des aufkommenden Kalten Krieges,
wird Deutschland aber bereits von den westlichen Alliierten im Kampf
gegen den Kommunismus gebraucht. Deshalb wird im Londoner Abkommen von
1953 vereinbart, dass die anerkannten Reparationsforderungen an Deutschland
zurückgestellt werden – bis zu einer endgültigen Regelung
in einem späteren Friedensvertrag. Griechenland – es gehört
nicht zu den Siegermächten – hat dazu nichts zu sagen.
In den 60er Jahren schließt die BRD mit westeuropäischen
Ländern so genannte Globalabkommen, mit denen pauschale Entschädigungszahlungen
entrichtet werden. Mit Griechenland wird ein entsprechender Vertrag
über 115 Mio. DM abgeschlossen, also ein Bruchteil der tatsächlichen
Schuld. Doch Opfer von Wehrmachtsverbrechen, Zwangsarbeiter oder Widerstandskämpfer
sind explizit von diesen Leistungen ausgeschlossen und Individualansprüche
im Vertrag ausdrücklich ausgenommen. Die griechische Regierung
hat immer festgehalten, dass mit diesem Globalabkommen keine endgültige
Regelung getroffen wurde – und selbst Beamte des deutschen Bundesfinanzministeriums
haben schriftlich eingeräumt, dass die griechischen Reparationsforderungen
durch dieses Globalabkommen nicht erfüllt sind. Nach der Wiedervereinigung
Deutschlands wäre nun die Zeit gekommen, einen abschließenden
"Friedensvertrag" auszuhandeln – wie im Londoner Abkommen
von 1953 erwähnt. Doch dies wird bewusst umgangen und ein so genannter
"2+4-Vertrag" abgeschlossen, der zwar den Verzicht auf Reparationsforderungen
regelt – aber nur mit den vier "Großmächten"
unter den ehemaligen Alliierten. Griechenland und etliche andere Länder
werden an der Vertragslösung nicht beteiligt. Sie können somit
auch keine Ansprüche stellen – oder auf diese verzichten.
Fast alle Fachjuristen sind sich heute einig, dass mit diesem "2+4-Vertrag"
das Londoner Abkommen hinfällig geworden ist. Damit ist die Möglichkeit
für Staaten und allenfalls auch Individuen gekommen, die alten
Forderungen geltend zu machen – jene Forderungen, die seit 1953
wegen des Londoner Abkommens gestundet waren. Dies gilt insbesondere
auch für Griechenland und für griechische Bürger.
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STAB
Regie & Buch: |
Stefan Haupt |
Kamera: |
Patrick Lindenmaier |
Schnitt: |
Stefan Kälin |
Ton: |
Martin Witz |
Sprecher: |
Hanspeter Müller-Drossaart |
Musik: |
Tomas Korber, Jorgos Stergiou |
Tonschnitt / Mischung: |
Guido Keller, magnetix |
Lichtbestimmung: |
Patrick Lindenmaier, Andromeda
Film |
Kommentar: |
Stefan Haupt, Martin Witz |
Prodleitung/Regieassistenz: |
Christine Hürzeler |
Prod.-/Regieassistenz
GR: |
Maria Stergiou |
Eine Produktion der Fontana Film GmbH, Stefan Haupt in Koproduktion mit
SF / TSR / TSI / SRG SSR idée suisse
(Paul Riniker / Madeleine Hirsiger / Urs Augstburger)
Mit Unterstützung durch das Bundesamt für Kultur (EDI), Schweiz,
Zürcher Filmstiftung, UBS Kulturstiftung, Familien-Vontobel-Stiftung,
Kulturstiftung Winterthur, Katholischer Mediendienst, Zürich, Succès
Cinéma, Succès passages antennes
Mit Argyris Sfountouris, Chryssoula Tzatha Sfountouri, Astero Liaskou
Sfountouri, Pater Charalambos Giagkou,
Stathis Stathas (Distomo), Kondylia Sfountouri, Albert Spiegel, Mikis
Theodorakis (Athen), Gabriele Heinecke,
Rolf Surmann (Hamburg), Eberhard Rondholz (Skopelos / Berlin), Arthur
Bill (Gerzensee), Leonidas Sakellaridis (Zürich), u.a.
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LINKS
Die Produktionsfirma von Stefan Haupt:
www.fontanafilm.ch
Arbeitskreis Distomo in Hamburg:
www.nadir.org/nadir/initiativ/ak-distomo
www.lernen-aus-der-geschichte.de
www.griechische-botschaft.de
www.griechische-kultur.de
www.freunde-griechische-kultur.de
www.griechenland.net
www.ellines.de
www.deutsche-hellas-gesellschaft.de
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Stand 05/07 - Irrtümer vorbehalten
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