BLUE
ein Film von Derek Jarman
GB 1993, 74 Minuten, Farbe, Deutsche Fassung oder Englisches Original

Bundesstart der Wideraufführung: 21. Februar 2008

Regie und Buch: Derek Jarman
Produzenten: James Mackay & Takashi Asai
Musik: Simon Fisher Turner
Co-Regie: David Lewis
Sound Design: Marvin Black

Produktion: Basilisk Communications / Uplink production für Channel 4
In Zusammenarbeit mit The Arts Council of Great Britain, Opal und BBC Radio 3

Sprecher in der englischen Originalfassung:
John Quentin
Nigel Terry
Derek Jarman
Tilda Swinton

Sprecher in der deutschen Fassung:
Ulrich Matthes
Sylvester Groth
Wolfgang Condrus
Eva Mattes

Übersetzung: Sven Rosenkranz


TEXTE ZUM FILM


Nichts – und alles.


BLUE, der letzte Film von Derek Jarman, hat kein einziges Bild, nichts.
Er ist nur blau.
Ein reiner, ungestörter Film; die absolute Wahrnehmung.

Jarman, durch seine AIDS-Erkrankung erblindet,
hat diesen Film Yves Klein gewidmet,
mit dem er die Überzeugung teilt,
dass „es mehr gibt, als das Auge trifft“.

Das Testament eines großen Künstlers,
der seine Einigung mit dem Tod gefunden zu haben scheint
und mit einer Geste von erstaunlicher Schlichtheit und Reinheit zeigt,
was Kunst sein kann.

Geblendet von Blau.

 




Our name will be forgotten
In time
No one will remember our work
Our life will pass like the traces of a cloud
And be scattered like
Mist that is chased by the
Rays of the sun
For our lives will run like
Sparks through the strubble
I place a delphinium, Blue, upon your grave.




Unsere Namen werden vergessen sein
Mit der Zeit
wird Niemand mehr wissen was wir taten
Unser Leben wird wie ein Wolkenfetzen
vorüberziehen am Himmelszelt
Und sich von Sonnenstrahlen
vertreiben lassen
wie zarte Nebelschwaden
Denn unsere Zeit ist flüchtig
und schießt wie Funken durch das Stroh
Ich werde einen Rittersporn, Blau, auf dein Grab dir pflanzen.





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DEREK JARMAN
Geboren 31.1.1942, Northwood, Middlesex (England).
Gestorben 19.2.1994, London.

Filmemacher, Autor, Maler, Bühnenbildner, Gärtner.

Einer der letzten und interessantesten Vertreter einer kinematographischen Avantgarde, dessen Mittel sich nicht in skurrilen Idiosynkrasien und vermeintlichen Tabubrüchen erschöpften. Er suchte für die – zumeist historischen – Stoffe, die er wählte, eine unverbrauchte, klischeefreie, die kunstgeschichtliche und filmische Entwicklung reflektierende Bildsprache, in der die Kulissen, wie ein Kritiker schrieb ‚durchlässig werden für eine andere Zeit, die Gegenwart’. Strikt antinaturalistisch, wie Jarman arbeitete, passen jenseits aller Travestie Annie Lennox und ein Song von Cole Porter ebenso in den Palast Edwards II. wie die wunderbare Tilda Swinton als Königin Isabella in der Maske und Posen einer Lisa Fonssagrives.
(Verena Lueken, FAZ).

Seine Mutter studierte an der Harrow Art School und arbeitete als Modedesignerin für Norman Hartnell, den Schneider der Königin. Sein Vater, ein Neuseeländer der zweiten Generation, war Offizier der Royal Air Force und flog die ersten alliierten Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs. Derek Jarmans erste Kino-Erinnerung bezieht sich auf eine Vorführung von THE WIZARD OF OZ im Jahre 1947. Der Film sollte seine Kindheit ausfüllen und beeinflusste ihn bis zuletzt. In den 50er Jahren wuchs Derek Jarman in Garnisonen der Air Force und im Internat auf.

1960-1963 Studium am Kings College an der Londoner Universität (Englisch, Geschichte und Kunstgeschichte).
1963-1967 Studium der bildenden Kunst an der Slade School of Fine Arts, Universität London. Er verlässt das Elternhaus und zieht nach London. Im selben Jahr fährt er zum ersten Mal nach Amerika. Die Reise wird zu einem wesentlichen Erlebnis, sowohl intellektuell als auch sexuell. Swinging Sixties, Ausstellungen, Stipendien, Künstlerfreunde (David Hockney, Patrick Proctor, Ossie Clark, Ken Russell): „Wir waren jung, und die Frage nach dem schwulen Selbstverständnis trieb uns um. Wir wurden uns bewusst, dass wir Leitbilder schaffen mussten.“ Über das Interesse an Set Designs und aus Flucht vor der Abstraktion der Malerei zum Film. Billige, kurze Super8-Aufnahmen, Home Movies der Londoner Künstlerszene.

Dann SEBASTIANE, ein schwuler Mythos als Sandalenfilm-Softporno mit lateinischen Dialogen – ein Skandal und Erfolg. Und der Beginn einer ernsthaften filmischen Auseinandersetzung mit englischer Geschichte, Kunst und schwuler Identität:
1978 JUBILEE
1979 THE TEMPEST
1980 IN THE SHADOW OF THE SUN
1984 IMAGINING OCTOBER
1984 THE DREAM MACHINE
1985 THE ANGELIC CONVERSATION
1986 CARAVAGGIO
1987 THE LAST OF ENGLAND
1988 WAR REQIUEM
1989 THE GARDEN
1990 EDWARD II.
1992 WITTGENSTEIN
1993 BLUE
1994 GLITTERBUG

“Jarmans Protagonisten – Sebastian, Caravaggio, Edward II., Wittgenstein – sind Entwürfe zu Modellfiguren homosexueller Identität. Jarman stellte sie dar als Extremisten, die ein kompromissloses Leben im Zeichen des Eros führen und daran zugrunde gehen. Exzessive Gewalt und entgrenzende Leidenschaft – so erleben Jarmans Helden die Liebe, und es ist ihnen Pein und Genuss zugleich.“ (Tilman Krause, Tagesspiegel).

Nebenher Videos und Bühnenshows u.a. für die Pet Shop Boys, Marianne Faithful, Marc Almond, The Smiths.

22. Dezember 1986: “Die junge Ärztin, die mir heute morgen erklärte, dass ich den Aids-Virus habe, war sichtlich bekümmert. Lächelnd bat ich sie, sich keine Sorgen zu machen, Weihnachten hätte ich noch nie leiden können.“

Autobiografische Bücher: THE LAST OF ENGLAND (1986), MODERN NATURE (1990), AT YOUR OWN RISK (1992), CHROMA (1994).

1986 ein Garten an einem Prospect Cottage in Dungeness (Kent), im Schatten eines Atomkraftwerks.

1987/88 Protest und Aktionen gegen den Clause 28 der Thatcher- Regierung (gegen die „Förderung von Homosexualität“).

Symptome, Behandlungen, Torturen, Leiden, die langsame Erblindung, Gespräche, Politik. Jarman macht seine Erkrankung öffentlich, hält die Gehässigkeit der Boulevardpresse aus, setzt zum Schluss einen monochromen Reflex dagegen (BLUE) und noch eine Montage aus privaten Super8-Aufnahmen aus 20 Jahren (GLITTERBUG).

„Meine Netzhaut ist ein ferner Planet – ein roter Mars – aus einem
Kindercomic – mit gelber Infektion – die am Rand Blasen schlägt –
Ich sage, das sieht aus wie eine Pizza.“

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BLUE
eine Hommage an das Blau von Yves Klein. Ein Abfilmen der Gemälde geht nicht, also wird das Blau im Labor hergestellt.

Gelb ist wirklich die Farbe der Krankheit, und Blau hat immer etwas Hoffnungsvolles, es strahlt immer Hoffnung aus. Es wird nie schwermütig. Der Film ist wirklich künstlerisch und auch lustig, und ich bin froh, dass er ziemlich humorvoll geworden ist. Manche Zuschauer sprechen auf den Humor an, manche nicht. Die Frage ist eben, ob sie sich trauen zu lachen.

EIN BILD OHNE BILDER – denn Blau ist „eine offene Tür zur Seele, eine unbegrenzte Möglichkeit…“

Uraufführung bei der Biennale in Venedig 1993. Danach Edinburgh, Rotterdam…beim New York Film Festival im November 1993 minutenlange stehende Ovationen.

Am 10. Februar 1994 startet der Film in einer deutschen Fassung in den Berliner Kinos.

Am 19. Februar stirbt Derek Jarman im St. Bartholomew Hospital in London.

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PRESSESTIMMEN
Derek Jarmans Filme waren immer umstritten. Virtuos und überwältigend für die einen, obszön und unmoralisch für die anderen, kreisten sie meist um Sex und Religion, Homosexualität und Sünde.
(Hamburger Abendblatt).

Unvergessen bleibt die ungeheure Ausdruckskraft seiner Bilder und räumlichen Anordnungen, die vor allem vom souveränen Einsatz seiner Lichtregie lebten. Derek Jarman war einer, der fest von der Existenz einer schwulen Ästhetik überzeugt war.
(Der Tagesspiegel)

Derek Jarmans Filmwelt und Filmphilosophie: kein Werk, das die Widersprüchlichkeit schwuler Identität sublimiert, sie unkenntlich macht, sondern eines, dass sie offen einer künstlerischen Sensibilisierung und Radikalisierung aussetzt.“ (StadtRevue Köln)„Für das britische Kino der 80er und 90er Jahre war Derek Jarman so etwas wie sein unausgesprochenes artistisches und geistiges Zentrum. Ein mutiger und tollkühner, sogar auch humorvoller und witziger Emphatiker und Polemiker.
(Die Welt)


DIE DEUTSCHE PRESSE ÜBER ‚BLUE’:

Ich kann mich nicht erinnern, je einen reicheren Film gesehen, gehört und gefühlt zu haben.
(Martina Kaden, Berliner Zeitung)

BLUE ist reinste Poesie
(Die Zeit)

Gewiss handelt der Film vom Tod, vom Abschied, von der Angst vor dem Sterben, von der Liebe zum Leben. Aber es fehlt ihm jede Larmoyanz. Vom ersten Glockenschlag einer hellen Schelle bis zum letzten verwehenden Lebensgeräusch liegt vielmher über dem Film eine verblüffende Heiterkeit.
(FAZ)

Jarman hat nicht nur für sich, sondern auch für den Zuschauer bei diesem Werk neue Dimensionen der Wahrnehmung gefunden!
(SDR)

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PRESSEBILDER

    

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Stand 01/08 - Irrtümer vorbehalten