BERTOLT BRECHT - BILD
UND MODELL eine Produktion von Elser Maxwell
und Thomas Malz für die Edition Salzgeber
in Zusammenarbeit mit dem Bertolt-Brecht-Archiv, Akademie der Künste,
Berlin.
Mit freundlicher Unterstützung des Suhrkamp Verlags, Frankfurt
a.M. und der Bertolt Brecht Erben
Deutschland 2006, 80 Minuten, s/w & Farbe
Regie: Peter Voigt, Sebastian Eschenbach
Kamera: Alexandra Czok, Olaf Merker, Christian Lehmann
Schnitt: Thomas Malz
Mit Peter Voigt, Erdmut Wizisla, Harald Müller
Bundesstart: 3. August 2006.
KURZINHALT
Bertolt Brecht, zu dessen 50. Todestag diese filmische Auseinandersetzung
ins Kino kommt, hat in seiner künstlerischen Arbeit immer auch
mit Film und Photographie gearbeitet. BERTOLT BRECHT – BILD UND
MODELL rekonstruiert mit den in diesem Kontext entstandenen Materialien
Facetten seines Werks, die man so oder ähnlich noch nie gesehen
hat. Mithilfe von Filmaufnahmen, Fotografien und einer im Exil entstandenen
Collage-Mappe aus dem Bertolt-Brecht-Archiv in Berlin werden in dieser
Zusammenstellung nicht nur einzelne Aufführungen und Arbeitsmethoden
Brechts dokumentiert, sondern auch der besondere Zugang des Künstlers
zu diesen Medien vermittelt. In einem von Harald Müller geleiteten
Gespräch, das dieser filmischen Hommage als Klammer dient, unterhalten
sich der Brecht-Schüler Peter Voigt und der Leiter des Brecht-Archivs
Erdmut Wizisla unter anderem über diesen bislang wenig beachteten
Aspekt eines epochalen Gesamtwerks.
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BERTOLT BRECHT
(10.2.1898 Augsburg – 14.8.1956 Berlin)
Brechts Gesamtwerk hat den Status eines modernen Klassikers
erlangt. Seine kritische Auseinandersetzung mit Themen wie sozialer
Gerechtigkeit, Freiheit und der Verantwortung des Einzelnen, seine Idee
des „Epischen Theaters“, das in bewusster Abgrenzung zur
traditionellen Dramentheorie eine ständige Reflexion und Bewusstseinsbildung
des Zuschauers provozieren wollte und nicht zuletzt seine stilbildenden
Theaterpraxis, die einen großen Einfluss auf die theatralischen
Darstellungs- und Inszenierungskonzepte der Vor- und Nachkriegszeit
hatte, dürften Brechts Bedeutung als einer der wichtigsten Theaterdenker
und –praktiker für immer legitimieren.
Seine Biografie ist relativ bekannt: Sohn eines zum Fabrikdirektors
aufgestiegenen Arbeiters, Literatur-, Philosophie- und Medizinstudium,
seit 1919 Theaterkritiken und erste Stücke,1922 Kleist-Preis für
„Trommeln in der Nacht“, seit 1924 Dramaturg am Deutschen
Theater in Berlin. In dieser Zeit Kontakte zur kommunistischen Bewegung,
Zusammenarbeit mit Kurt Weil, mit diesem 1930 verantwortlich für
den größten Theaterskandal der Weimarer Republik („Aufstieg
und Fall der Stadt Mahagonny“). Emigration nach der Machtergreifung
Hitlers, zunächst in die Schweiz, dann nach Dänemark, Schweden,
Finnland, über die Sowjetunion schließlich in die USA, wo
er mit dem Schauspieler Charles Laughton eine englische Übersetzung
seines Stücks „Leben des Galilei“ erarbeitet. 1948
Rückkehr nach Deutschland, Niederlassung in Ost-Berlin, Gründung
des „Berliner Ensembles“ mit Helene Weigel im Theater am
Schiffbauerdamm. 1950 legendäre Bearbeitung des „Hofmeister“
von J.M.R. Lenz. Bis zu seinem Tod wohnhaft und arbeitend in der DDR,
der gegenüber er trotz vieler Ehrungen ein gespaltenes Verhältnis
beibehielt.
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MANN
IST MANN (1931) - Erste Filmaufnahmen
Erstmals in seiner Theaterarbeit gibt Brecht 1931 den
Auftrag, von zentralen Momenten einer Aufführung Filmaufnahmen
herzustellen, die als Studienmaterial dienen sollen. Das Objekt dieses
Versuchs ist „Mann ist Mann“, die Komödie über
die Möglichkeit des Umbaus des Menschen vom Individuum zum Kollektivwesen.
Die Ergebnisse: verflackerte Sequenzen, grell, düster, burlesk.
Brecht notiert über das Filmen und das Gefilmte: “Ein sehr
interessantes Experiment, ein kleiner Film, den wir von der Vorstellung
aufnahmen, indem wir mit Unterbrechungen die hauptsächlichen Drehpunkte
der Handlung filmten, so dass also in großer Verkürzung das
Gestische herauskommt, bestätigt überraschend gut, wie treffend
Lorre [gemeint ist Peter Lorre, der Hauptdarsteller] gerade in diesen
langen Sprechpartien den allen (ja unhörbaren) Sätzen zugrundeliegenden
mimischen Sinn wiedergibt.“ An der Beobachtung des gefilmten Schauspielers,
der seine Rolle nicht mehr verinnerlichen, aber gleichwohl als "Einheit"
präsentieren soll, macht der Autor ein neues Ziel seiner Arbeit
fest: „Es gilt hier, ganz neue Gesetzlichkeiten der Schauspielkunst
zu konstituieren“.
Die Aufnahmen von einer Gesamtlänge von 52 Minuten sind Bestandteil
des Bertolt-Brecht-Archivs und werden in Ausschnitten in dieser Kompilation
gezeigt und kommentiert.
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LEBEN
DES GALILEI – Brecht / Laughton
Brecht lebt seit 1941 in Santa Monica, Kalifornien, in
der Nähe von Hollywood, wo er mit mäßigem Erfolg versucht
in der Filmindustrie Fuß zu fassen. Dort lernt er den englischen
Schauspieler Charles Laughton kennen, mit dem er GALILEI Satz für
Satz ins Englische übersetzt. Laughton kann kein Deutsch, Brecht
nicht sehr gut Englisch, entscheidend wird die szenische Gestaltung
der Hauptfigur durch Laughton. Dieser ist von der verbrecherischen Dimension
in der Figur Galileis fasziniert. Mit Brecht erarbeitet er eine Entlarvung
der Galilei-Legende vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse
– der Atombombenabwürfe in Japan am 6. und 8. August 1945.
Brecht dazu: „Der infernalische Effekt der Großen Bombe
stellte den Konflikt des Galilei mit der Obrigkeit seiner Zeit in ein
neues, schärferes Licht.“ Die Wissenschaftler erscheinen
in diesem Licht als sozial verantwortungslos – sie haben zwar
die Welt um neue Erkenntnisse bereichert, deren mögliche Folgen
(in letzter Konsequenz: die Atombombe) aber völlig außer
Acht gelassen.
Diese amerikanische Fassung wird in einem Prtivattheater in Beverly
Hills 17 Mal aufgeführt, in New York sechsmal (zwischen Juli und
Dezember 1947). In Hollywood, wo die Bearbeitung bei einem z.T. prominenten
Publikum (Charlie Chaplin, Ingrid Bergman, Anthony Quinn) große
Begeisterung hervorrief, hatte Brecht, der bereits wieder nach Deutschland
zurückgekehrt war, von einer Aufführung einen Zeitrafferfilm
herstellen lassen, um die Inszenierungsideen für spätere Aufführungen
festzuhalten. Auch aus diesem Film werden in BERTOLT BRECHT –
BILD UND MODELL Ausschnitte zu sehen sein.
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EPISCHES
THEATER – Eine Skizze
Im April 1950 hat am Berliner Ensemble eine von Brecht
bearbeitete und inszenierte Aufführung von J.M.R. Lenz’ „Der
Hofmeister“ Premiere, dem dieses Stück, das fast zwei Jahrhunderte
lang als unspielbar galt, endlich die verdiente Aufmerksamkeit verdankt.
1992 werden im Filmbestand des Bertolt-Brecht-Archivs zwei Filmbüchsen
mit der Aufschrift „Hofmeister“ gefunden, völlig unbenutzt.
Das Material wird Peter Voigt übergeben, der bereits seit 1951
von den Aufnahmen weiß. Gemäß dem Wunsch Brechts war
die Kamera damals unbeweglich in der Mittelloge positioniert und filmte
eine Totalansicht der Bühne. Aufgenommen wurde im Einzelbildverfahren,
mit zeitlichen Intervallen. Resultat dieser Aufnahmetechnik war eine
Hofmeister-Inszenierung von sieben Minuten Dauer, „ein Ameisenhaufen“.
Voigt macht 1998 zusammen mit Sebastian Eschenbach und Thomas Malz im
Auftrag der Berliner Akademie der Künste die Bilder sichtbar und
setzt Probenotate von Brecht dazu. „Der Film ist wunderschön“,
merkt Eugen Monk an, „und sagt außerordentlich viel über
diese Inszenierung, die ich für die beste aus den frühen Jahren
des Berliner Ensembles halte. So wie sie zustande kam, war es nebenbei
auch die glücklichste. Es war ein Vergnügen, am Morgen ins
Theater zu gehen und zu wissen, dass jetzt wieder vier oder fünf
Stunden Hofmeister bevorstanden“. EPISCHES THEATER ist eine authentische,
18minütige Beschwörung dieser Aufführung.
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EINE
HINTERLASSENSCHAFT
Ende 2004 taucht eine bislang verschollene Mappe
auf, die der Dichter Bertolt Brecht im amerikanischen Exil angelegt
hatte. 83 Blätter mit ausgewählten Bildern und Bildtexten,
ausgeschnitten aus Zeitungen und Magazinen und eingeklebt in diese Mappe.
Reflektionen über Hitler, die Nazis und die Welt in Zeiten des
Krieges. 1956, am Berliner Ensemble: Ein Adolf Hitler Foto wird gebraucht
für ein Programmheft und zwar schnell. Bei Zentralbild, der offiziellen
Fotoagentur, wäre ein Adolf Hitler Foto nicht leicht zu bekommen.
Ein Adolf-Hitler-Foto zu veröffentlichen unterliegt der Genehmigung.
Da bietet Brecht an, mit einem Adolf-Hitler-Foto aus seinem Besitz auszuhelfen.
Peter Voigt, ein 22-jähriger Assistent und Schüler Brechts
wird losgeschickt, es von ihm zu holen. Der Theaterchauffeur fährt
ihn nach Bukow zu Brechts Landhaus. Es ist ein trüber winterlicher
Vormittag, an dem es nicht hell werden will. Brecht erwartet Peter Voigt
in seinem großen Arbeitraum. Das Foto liegt da, abholbereit. Es
ist keine Originalfotografie, sondern eine Reproduktion, aus einer ausländischen
Zeitung geschnitten, irgendwann und zusammen mit einem anderen Foto
von Hitler auf eine hellblaue Seite geklebt. Die Seite ist eine von
vielen Fotoseiten, sie füllen zusammen eine schwarze Mappe. Nicht
nur ein Foto also, sondern eine Mappe mit Brechts gesammelten Zeitdokumenten.
Sie liegt aufgeklappt auf einem kleinen Tisch. Brecht beginnt, die Mappe
durchzublättern, durchzusehen, Seite für Seite, Bild für
Bild. Die Mappe ist ein Ertrag der Exiljahre. Er sieht nach, was ihn
im Exil beschäftigt hatte und lässt an seiner Seite den Schüler
daran teilhaben. In Erinnerung geblieben ist seine Art, diesen Bildseiten
zu begegnen, ein eigentümlicher Respekt gegenüber dem Dokument.
Vor kurzem erst ist seine „Kriegsfibel“ erschienen, dokumentarische
Fotos mit Epigrammen, und jetzt ist diese Mappe ein Hinweis, dass es
noch anderes Dokumentarisches gab bei ihm. 82 Blätter mit ausgewählten
Bildern und Bildtexten. Es gibt die Kriegsfibel und es gibt diese Mappe,
als eine Hinterlassenschaft. Und es gibt Peter Voigts 22minütige
filmische Präsentation der Mappe, als Co-Produktion mit dem Literaturforum
im Brecht-Haus und der Berliner Akademie der Künste entstanden.
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PETER
VOIGT UND ERDMUT WIZISLA
PETER VOIGT, 1933 in Dessau geboren, beginnt nach dem Abitur 1952 eine
Ausbildung als Bühnenbild-Assistent an den Städtischen Bühnen
in Leipzig. Ein Jahr später geht er nach Berlin und ist dort am
Berliner Ensemble bei Bertolt Brecht als Regie- und Dramaturgie-Assistent
beschäftigt. Fünf Jahre sammelt er hier Erfahrungen und wird
dann mit 22 Jahren der persönliche Assistent des Theaterregisseurs
Peter Palitzsch. Ab 1959 arbeitet er bei der DEFA als Phasenzeichner
und Trickfilm-Regisseur festangestellt, später beim DDR-Fernsehen
freischaffend. Er setzt Ideen anderer tricktechnisch um, ab 1969 dreht
er selbst Dokumentarfilme (u.a. MARTHA LEHMANN [1972], INTERNATIONALISTEN
[1974]). Ende der 70er und in den 80er Jahren arbeitet Voigt parallel
wieder mehr am Theater, u.a. mit Heiner Müller. Seit der Wende
entstehen mehrere Dokumentarfilme, die große historische Ereignisse
in den persönlichen Erlebnissen und Erinnerungen von Menschen widerspiegeln
- Voigts Filme glauben an einen klugen Zuschauer, der zu eigenen Schlussfolgerungen
und Assoziationen fähig ist. Seit 1998 befasst er sich in einigen
Filmen autobiographisch mit Bert Brecht, mit dem er als 20jähriger
intensiv zusammengearbeitet hat.
ERDMUT WIZISLA, 1958 in Leipzig geboren, ist Literaturwissenschaftler
(Promotion über Brecht und Benjamin), seit 1993 Leiter des Bertolt-Brecht-Archivs
und außerdem kommissarischer Leiter des Walter-Benjamin-Archivs
(beides in der Akademie der Künste, Berlin). Er lebt in Potsdam.
Publikationen (Auswahl): „Glückloser Engel. Dichtungen zu
Walter Benjamin“ (Mitherausgeber;1992), „Walter Benjamin
und Bertolt Brecht. Eine Bestandsaufnahme“ (1993), „ Wo
ich her bin ... Uwe Johnson in der DDR“ (mit Roland Berbig;1994),
„1898/BERTOLT BRECHT/1998 ... und mein Werk ist der Abgesang des
Jahrtausends. 22 Versuche, eine Arbeit zu beschreiben“ (1998),
„Brecht und Benjamin. Die Geschichte einer Freundschaft“
(2004).
Beide Brecht-Experten kennen das spektakuläre
Archivmaterial und sind in der Lage, werkgeschichtliche und biographische
Bezüge herzustellen. Darüber hinaus ergibt sich durch Peter
Voigts Beteiligung an dieser Zusammenstellung auch ein persönlicher
Blick auf Brechts besonderen Umgang mit dokumentarischen Medien. Das
Gespräch mit ihm und Erdmut Wizisla moderiert Harald Müller,
Mitarbeiter der Zeitschrift "Theater der Zeit".
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Stand 05/06 - Irrtümer vorbehalten
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