DER BAYREUTHER JAHRHUNDERT-RING

Bayreuther Festspiele 1976. Zum 100. Jubiläum der Uraufführung präsentieren Pierre Boulez und Patrice Chéreau ihre Vision von Wagners RING DES NIBELUNGEN. Doch die Premiere dieses „Jahrhundert-Rings“ animiert große Teile des Publikums zu Protestaktionen und Trillerpfeifen-Konzerten im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel. Es kommt zu Schlägereien, es werden Flugblätter verteilt und Unterschriftenlisten gegen die Inszenierung ausgelegt. Chéreaus Verlegung der Handlung in die Zeit der Frühindustrialisierung regt zahlreiche Altwagnerianer an, sich zu einer Bürgerinitiative zu formieren, die für ein „zukunftsorientiertes Verständnis des Wagnerschen Werkes“ eintritt und nachdrücklich „Werkschutz für Wotan“ fordert. Der SPIEGEL schreibt: „Just zum Jubeljahr [...] hatten sich die Konservativen wohl eine Art musikalisches Burgtheater erwartet: würdig und langweilig. Nun war es – scheinbar – respektlos und sicher unterhaltsam. Dem Altgedienten verging Hören und Sehen.“ Konservative Kritiker sehen Wagners Ring gar in den Händen eines linken Revoluzzers.
Doch die Zeit arbeitet für Chéreau. 1980, nach den letzten Aufführungen in Bayreuth, ist der Zorn begeisterter Zustimmung gewichen, zum Teil sogar kritiklosem Fanatismus: Mit einem – selbst für Bayreuther Verhältnisse – überschwänglichen Applaus von neunzig Minuten Länge und der beeindruckenden Zahl von 101 Vorhängen wird die Inszenierung verabschiedet. Ein Mythos war geboren.
Chéreau folgt in seiner Inszenierung konsequent einer Interpretation, die sich aus der sozialpolitischen Summe der Kunstschriften Wagners und dem Ring als Kommentar des 19. Jahrhunderts ergibt. Dabei überzieht er das Werk keineswegs vorschnell und unreflektiert mit linker Ideologie. Für Chéreau ist der RING Wagners Versuch, einer Epoche ihr mythologisches Fundament zu geben und dabei gleichzeitig die Gesinnung dieser Epoche einzufangen. Das Werk wird im Gewand der Allegorie zum Mythos des industriellen Zeitalters. So bekommt die Bezeichnung „Jahrhundertring“ einen ernst zu nehmenden Doppelsinn. Der Inszenierungsstil entspricht dieser Mehrschichtigkeit. Bildelemente aus verschiedenen Epochen und Stilrichtungen werden zitiert und kombiniert.
Mit seinem Ansatz hätte Chéreau durchaus die Zustimmung des Komponisten Richard Wagner ernten können: Dessen Enkel Wieland Wagner vermutete einmal, dass der Großvater heutzutage Hollywood-Regisseur wäre, um seine Idee eines ‚musikalischen Gesamtkunstwerks‘ zu verwirklichen. Chéreau, sein Kostüm- und sein Bühnenbildner inszenierten ihre Bilderwelten mit den Mitteln des Termine – es bleiben vor allem erregende Bilder und eine im Musiktheater nie da gewesene Personenregie im Gedächtnis.
„Die Rheintöchter räkeln sich vor einem Staudamm, Walhall ist ein gründerzeitlicher Prachtbau, Notung wird im Hochofen geschmiedet. Das alles ist in Grautönen gehalten und so subtil ausgeleuchtet, dass etwa der Walkürenfels wie ein Bild von Caspar David Friedrich wirkt. Dass man sich dennoch an Film-Ästhetik erinnert fühlt, liegt auch an der Personenführung – weil die Figuren vital und natürlich agieren, weil sich Aktionen und Reaktion an dem orientieren, was gesungen wird. Das so entstehende Beziehungsgeflecht der Protagonisten hält einen immer am Denken,” schrieb Oliver Wazola treffend über den „Jahrhundert-Ring“.