ELISABETH KÜBLER-ROSS - DEM TOD INS GESICHT SEHN

ein Film von Stefan Haupt
CH 2002, 98 Minuten, Digital + 35mm, Farbe, Dolby SR






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KURZINHALT

Elisabeth Kübler-Ross hat sich ihr Leben lang mit dem Sterben beschäftigt und damit Weltruhm erlangt. Mit 23 Ehrendoktor-Titeln ist sie wahrscheinlich die akademisch meist ausgezeichnete Frau der Welt. Ihr Engagement als Ärztin, Wissenschaftlerin und Autorin hat
nach eigenem Bekunden «das Sterben aus der Toilette geholt» und Sterbebegleitung überhaupt erst zum Thema gemacht. Der Kampf gegen die Tabuisierung des Todes in der westlichen Welt verbindet sich mit der Reibung an Autoritäten. Nicht zuletzt in der Konfrontation mit dem engen Weltbild der Schulmedizin und beeindruckt von Nah-Tod-Erfahrungen dringt Elisabeth Kübler–Ross in Grenzbereiche vor.

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INHALT

Elisabeth Kübler-Ross hat sich ihr Leben lang mit dem Sterben beschäftigt und damit Weltruhm erlangt. Mit 23 Ehrendoktor-Titeln ist sie wahrscheinlich die akademisch meist ausgezeichnetste Frau der Welt. Ihr Engagement als Ärztin, Wissenschaftlerin und Autorin hat nach eigenem Bekunden «das Sterben aus der Toilette geholt» und Sterbebegleitung überhaupt erst zum Thema gemacht. Der Kampf gegen die Tabuisierung des Todes in der westlichen Welt verbindet sich mit der Reibung an Autoritäten. Nicht zuletzt in der Konfrontation mit dem engen Weltbild der Schulmedizin und beeindruckt von Nah-Tod-Erfahrungen dringt Elisabeth Kübler–Ross in neue Grenzbereiche vor.

1926 in Zürich geboren, studierte sie gegen den Willen ihrer Eltern Medizin und kämpfte in den USA um Anerkennung als Psychiaterin. 1969 erlangte sie durch ihre Arbeit mit Sterbenden in Chicago und durch ihr Buch «On Death and Dying» («Interviews mit Sterbenden») internationalen Ruhm. Es folgten unzählige Workshop- und Vortragsreisen durch die ganze Welt und der Aufbau eines eigenen Zentrums in Virginia. 1994 wurde das Wohnhaus ihres Zentrums durch Brandstiftung zerstört - Anwohner fürchteten, sich mit Aids zu infizieren. Heute lebt die Schweizer Ärztin nach mehreren Schlaganfällen zurückgezogen in Arizona, nahe jenem Übergang, den sie selber so leidenschaftlich erforscht hat.

Im Zentrum des Films stehen die Gespräche mit Elisabeth Kübler-Ross in Arizona. Zu sehen ist eine psychisch vitale Frau, geistig glasklar, voller Humor und immer noch unbequem. Sie blickt auf ihr Leben zurück, erzählt von ihrer Kindheit, ihrer Arbeit mit Sterbenden und Aids-Kindern und davon, wie sie mit ihrem eigenen Altern und Sterben umzugehen versucht.

Statements ihrer beiden Drillingsschwestern, Interviews mit Freunden und Mitarbeitern sowie reichhaltiges Archivmaterial runden dieses angenehm unprätentiöse und differenzierte filmische Portrait ab.

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EIN KURZER ABRISS ZUR LEBENSGESCHICHTE VON ELISABETH KÜBLER-ROSS

KINDHEIT
Elisabeth Kübler-Ross kam, als erste von drei Drillingsschwestern am 8. Juli 1926 mit nur geringen Lebensaussichten in Zürich zur Welt. Kurz nach ihr wurde Erika, ihre eineiige Zwillingsschwester geboren - wie Elisabeth wog auch sie nur knapp 1 Kilogramm. Zum Schluss kam Eva, die gut 3,5 Kilos auf die Waage brachte. Die Drillinge, in jener Zeit eine grosse Seltenheit, wurden schnell zum Stadtgespräch. Sie erschienen in allen Zeitungen und wurden gar als «Werbemodels» abgelichtet z.B. für Palmolive Seifenwerbung. Die drei Mädchen wurden stets pauschal als ‚die Drillinge‘ oder ‚die Küblers‘ bezeichnet . Es erstaunt somit nicht, dass die Suche nach der eigenen Identität für Elisabeth zu einem wichtigen Thema wurde. Diese Erlebnisse waren auch in Bezug zu ihrer Arbeit als Ärztin wegweisend, wie sie später ausführte:

„Ich bin sehr überzeugt, dass ich mich ohne diese Erlebnisse nicht mit Menschen befasst hätte, die auch keine Identität hatten. Ich habe sehr oft mit schwer behinderten und blinden Kindern gearbeitet; von ihnen wurde nur als «der Hydrocephalus in Zimmer 15» gesprochen oder später «der Pankreaskrebs in diesem und jenem Zimmer». Ich habe aber immer gewusst, dass der Pankreaskrebs drei Kinder zu Hause hat, dass sie nicht wissen, wie die Rechnungen bezahlt werden sollen. Ich habe die Menschen, nicht bloss von der Diagnose, sondern vom inneren Menschen her gekannt.“

1930 verlässt die Familie Kübler mit den Drillingen und dem 6 Jahre älteren Bruder die enge Stadtwohnung und zieht in ein Haus in Meilen. Elisabeth erlebt eine behütete Kindheit. Der Vater ist sehr streng, aber gerecht und herzlich. Die Familie verbringt den grössten Teil ihrer Freizeit in Amden, wo der Vater Hüttenwart der "Füürlegi" ist, einer Hütte, die dem Neuen Skiclub Zürich gehört.


ÄRZTIN

In dieser Hütte lernt die heranwachsende Elisabeth eine Gruppe junger Leute kennen, die Mitglieder des Internationalen Friedensdienstes sind. Auch sie will helfen. Kurz nach Kriegsende nimmt sie erstmals an einem Freiwilligeneinsatz in Frankreich teil, wo ein zerstörtes Dorf wieder aufgebaut werden soll. Die Eltern fürchten um ihre 19jährige Tochter, doch sie lässt sich nicht beirren. Es folgen weitere Einsätze in Belgien, Italien, Schweden und Polen. „Ich ging zu Fuss und Autostopp und mit dem internationalen Zivildienst nach Polen, und habe dort Majdanek gesehen, ein Konzentrationslager wo 960'000 Kinder umgebracht wurden. Und wissen Sie, Sie können ein Buch lesen über Anne Frank, und Sie können sogar weinen, wenn Sie es lesen, aber etwas glauben und etwas wissen, ist ein grosser Unterschied. Wenn man in diesen Konzentrationslagern steht, wenn man die Gaskammern noch riecht, wenn man Wagenladungen voller Kinderschuhe sieht, von ermordeten Kindern, und ganze Wagenladungen
voll Frauenhaar, dann erlebt man etwas, das einem das ganze Leben berührt und verändert. Da beginnt man sich Fragen zu stellen: Warum studiert man Medizin? Man stellt sich Fragen: Wie kann ein Mann und eine Frau Tausende von kleinen unschuldigen Kindern umbringen und am selben Tag machen sie sich Sorgen, weil ihr eigenes Kind zu Hause vielleicht Masern hat?“ Elisabeth will Ärztin werden. Doch für ein gesundes junges Mädchen, das sowieso heiraten wird, so erzählt ihre Schwester Erika, gab es damals keinen Grund, eine akademische Ausbildung zu erwerben. Gegen den Willen der Eltern macht Elisabeth die Abendmatur. Sie bewohnt ein kleines Mansardenzimmer im Zürcher Seefeld, arbeitet
tagsüber als Laborantin und verbringt die Nächte lernend am Schreibtisch. Danach studiert sie Medizin an der Universität Zürich und arbeitet kurze Zeit als Landärztin.


ÜBERSIEDLUNG NACH AMERIKA

1958 heiratet sie den amerikanischen Arzt Emanuel Ross und siedelt mit ihm in die USA über. Die ersten Jahre sind schwierig: Sie findet nur schwer Arbeit, erleidet zwei Fehlgeburten, und hat Mühe mit dem gesellschaftlichen Leben in der neuen Welt:

„Die Cocktailparty ist das barbarischste aller amerikanischen Rituale. Man wird in einem überfüllten Raum in irgendeine Ecke gedrängt, wo man einen schauderhaften Drink schlürft und winzige Würstchen mit künstlichem Geschmack mit Zahnstochern isst, während man einer neurotischen Person zuhören muss, die einem erzählt, dass sie sich in ihren Therapeuten verliebt hat. Es ist eine Welt, die mir fremd ist…“

Schliesslich nimmt sie eine Stelle in der psychiatrischen Abteilung des Manhatten State Hospitals in New York an. Die junge Ärztin ist erschüttert und zunehmend aufgebracht über die Art und Weise, wie mit sterbenden Patienten umgegangen wird.

„Man mied sie und liess sie allein; niemand sprach ein ehrliches Wort mit ihnen. Die Anwendung von Schmerztherapien etwa oder das Angebot, schwerkranke Patienten auf deren Wunsch zuhause, im Beisein der Familie sterben zu lassen, waren undenkbar.“

1958 beginnt sie ihre Fachausbildung für Psychiatrie. 1960 wird Sohn Kenneth geboren, drei Jahre später die Tochter Barbara. Im Sommer 1965 zieht die Familie nach Chicago. Elisabeth findet Arbeit am renommierten Billings Hospital und übernimmt eine Assistenzprofessur in der psychiatrischen Abteilung. In all den Jahren in Amerika hält sie die Beziehung zur Familie in der Schweiz aufrecht. Sie reist mindestens einmal pro Jahr mit ihrer eigenen jungen Familie in die Schweiz und wird regelmässig von ihren Schwestern, Freunden und Bekannten in den USA besucht.
Während ihrer Zeit in Chicago nähert sie sich immer mehr der amerikanischen Lebensweise an und fühlt sich nun wohler in Amerika. Ihrer Mutter schreibt sie:

„Ich fühle mich jetzt wirklich mehr zu Hause in Amerika. Zum Beispiel gehe ich gern in den Supermarkt, ich mag Hamburgers, 'Hot Dogs' und die verpackten Frühstücksflocken. Und reg Dich nicht allzusehr darüber auf, dass ich ebensooft Hosen trage wie Röcke, sogar wenn ich einen Besuch mache... Aber das eine, an das ich mich wahrscheinlich nie werde gewöhnen können, ist die wichtige Rolle, die hier das Geld spielt. Amerika ist eine Art 'Dollarokratie'. Wenn jemand Geld hat, hält man ihn für bedeutend und erfolgreich. Wenn er keines hat, gilt er nichts…“


DIE ARBEIT MIT STERBENDEN

Am Billings Hospital stösst sie auf das Arbeitsfeld, dass sie Zeit ihres Lebens nicht mehr verlassen wird: Der Umgang mit Sterbenden, der Umgang mit dem Tod. Anders als fast alle ihre Kollegen nimmt sich Elisabeth Kübler-Ross Zeit für die todkranken Patienten, hört ihnen zu und spricht mit ihnen.

„Ich habe als Ärztin an einer grossen Universitätsklinik gearbeitet und mir ist aufgefallen, dass Leute, die schwerkrank und am Sterben sind, furchtbar einsam sind. Ich habe diese Leute besucht und mit ihnen geredet und gemerkt, dass die Leute wissen, wann sie sterben, und es sehr nötig haben, mit einem Menschen darüber zu reden. Und so habe ich angefangen, mich mit diesen Menschen abzugeben und habe festgestellt, dass das gar nicht so schwierig und so traurig ist, wie die meisten Leute meinen.“

Angeregt durch die Anfrage einiger Thelogiestudenten beginnt sie, jene später legendär gewordenen Vorlesungsreihen abzuhalten, in welchen sie vor den Studenten Gespräche mit im Saal anwesenden todkranken Patienten führt, die von ihren Schwierigkeiten und ihrem Leiden erzählen. Studenten, Krankenschwestern und einige wenige Ärzte hören zu. Doch schon die Suche nach Gesprächspartnern gestaltet sich schwierig:

„Die erste Schwierigkeit war, dass - wenn ich auf die Abteilungen ging und sagte, ich würde gerne mit Sterbenden reden - alle sagten: Ja bei uns auf der Abteilung stirbt niemand. Eine totale Verneinung, dass überhaupt Leute sterben; in einem 600-Betten-Spital! Bis ich dann einfach selbst nachschauen ging, wer schlecht aussah, und diese Leute auf eigene Faust besuchte.“

Die Seminare und ihre Arbeit im Krankenhaus verursachen einen ziemlichen Aufruhr, Elisabeth Kübler-Ross polarisiert die gesamte Fakultät: man ist entweder für oder gegen sie, niemand bleibt indifferent.


ON DEATH AND DYING
In jener Zeit wird Elisabeth von einem Herausgeber aus New York angefragt, ihre Erfahrungen und Erkenntnisse aus den Seminaren aufzuzeichnen. Das Buch «On Death and Dying» (Interviews mit Sterbenden) entsteht und erscheint 1969. Sowohl das Buch als auch ein Bericht im «LIFE-Magazin» erhalten eine unglaubliche Resonanz: Elisabeth wird zur international bekannten Sterbeforscherin. In ihrem Buch beschreibt sie 5 Stadien,
welche Sterbende durchlaufen können:

Leugnen: „Nicht ich, das kann unmöglich mir passieren.“
Zorn: „Warum ausgerechnet ich?“
Verhandeln: Hadern mit Gott.
Depression: Das Spiel ist aus.
Akzeptanz: Es ist gut so.

In ihrer Arbeit setzt sich die Ärztin zum Ziel, den Schwerkranken zu helfen und ihnen einen würdigen, friedlichen Tod zu ermöglichen. Ihr Anliegen ist nicht in erster Linie medizinisch wissenschaftliche Exaktheit, sondern menschliche Anteilnahme und emotionales Verstehen der Vorgänge rund ums Sterben – sowohl aus der Sicht der Patienten, als auch aus jener der Ärzteschaft.

„Wenn man in der medizinischen Ausbildung ausschliesslich lernt Menschen zu heilen, zu behandeln und ihr Leben zu verlängern, und überhaupt keine Hilfe bekommt, wie man mit sterbenden Patienten umgehen soll, ist es ganz natürlich, dass man sich beim Sterben eines Patienten wie ein Versager fühlt und unbedingt etwas dagegen unternehmen will. Wenn wir jedoch merken, dass wir nicht primär da sind, um Leben um jeden Preis zu verlängern, sondern dass wir den Patienten vielmehr helfen sollten, so ganzheitlich wie möglich ein bedeutungsvolles Leben zu führen, dann verändert sich ihre ganze Einstellung gegenüber dem Arztberuf.“

In ihrer Arbeit beginnt sie vermehrt, sich todkranken Kindern zuzuwenden.

„Zuerst habe ich nur mit sterbenden Erwachsenen gearbeitet. Dann merkte ich, dass überhaupt niemand mit sterbenden Kindern sprach. Da hat mir C. G. Jung sehr viel geholfen. Ohne ihn und seine Erkenntnisse hätte ich das nie machen können. Er hatte den Leuten schon viel früher gelehrt, dass all das Wissen der Kinder in ihren Zeichnungen zu finden ist. Man kann die Zeichnung eines fünfjährigen Kindes anschauen und genau sehen, dass es auf der rechten Seite einen Gehirntumor hat und schon sehr genau weiss, das es bald streben wird; - das ist alles in diesen Kinderzeichnungen enthalten. Ich konnte mit den Kindern über ihre Zeichnungen reden und musste nicht abstrakt mit ihnen über das Sterben reden. Ich sagte, da kannst du nicht mehr richtig gehen, du hast ja ein Holzbein. - Ja, ja, das kommt dann bald. - Die Kinder sprachen über das Holzbein und später über den Himmel, die Sterne und die Engel, die ihnen helfen, mit einem Holzbein zu gehen. Herrlich, wahnsinnig intelligent, die haben innerlich ein irrsinniges Wissen. Und diese Kinder wurden dann meine nächsten Lehrer.“

Immer wieder setzt sie sich auch mit unkonventionellen Methoden dafür ein, dass sterbenden Menschen, gerade Kinder, im Kreise ihrer engsten Angehörigen und wenn möglich zu Hause ihre letzten Tage verbringen können. Und dass sowohl die Kranken wie auch deren Angehörige eine Möglichkeit finden, über das Sterben zu reden.

„Ich hatte ein Kind, dass hatte Lupus, und sein grösster Wunsch war, an Weihnachten zu Hause zu sein, auch wenn es am nächsten Tag wieder zurück ins Spital musste. Ich sagte, ja gut, dann nehmen wir dich an Weihnachten nach Hause, das ist doch keine Sache. Aber die Ärzte bekamen fast Zustände: Das darf man doch nicht, sie wird sich erkälten und dann stirbt sie, und dann sind Sie schuld! Da habe ich eben unterschrieben. Es war mir wichtiger, dass das Kind an Weihnachten zu Hause ist und dann stirbt, als dass es Weihnachten nicht zu Hause feiern kann. So habe ich viele Patienten «gekidnappt» und nach Hause «entführt». Nachts öffnete ich die Fenster, bestellte ein Krankenauto, auf eigene Kosten natürlich, gab die Kinder zum Fenster hinaus ins Krankenauto und schickte sie nach Hause. Und am Weihnachtsabend waren sie zu Hause bei ihren
Eltern, mit richtigen Kerzen, - einfach wunderschön.“


VORTRAGSREIHEN, WORKSHOPS UND AUFBAU EIGENER ZENTREN
Seit der Veröffentlichung des Buches «On Death and Dying» ist Elisabeth Kübler-Ross eine weltweit gefragte Referentin. Sie hält über Jahre hinweg Vorlesungen vor überfüllten Auditorien. Ihre Workshops mit dem Thema «life, death and transition» finden enormen Zulauf. Rastlos reist sie quer durch die ganze Welt und legt jährlich um die 400.000 km zurück. Sie schreibt über 20 Bücher, welche in mehr als 25 Sprachen übersetzt werden.
Und sie wird mit über 20 Ehrendoktortiteln und einer grossen Anzahl weiterer Auszeichnungen geehrt. Im Zentrum ihrer Arbeit steht nach wie vor die Sterbebegleitung. Sie begründet die Hospizbewegung in Amerika, betreut weiterhin Patienten rund um den Globus. Doch das ständige Unterwegs-Sein setzt ihr Familienleben zunehmend erheblichen Zerreisproben aus.

Schon seit den 70er Jahren beschäftigt sich Elisabeth intensiv mit Nah-Tod-Erfahrungen. Nun zieht sie nach Escondido, nahe San Diego und erfüllt sich dort den langersehnten Wunsch nach einem eigenen Zentrum. Ihre unbedingte Suche nach wissenschaftlichen Beweisen für ein Leben nach dem Tod schliessen nun auch fragwürdige Channeling- Sessions und Kontaktaufnahmen mit Geistführern und Geistwesen mit ein. In den folgenden Jahren spaltet sich deshalb ihre Anhängerschaft immer deutlicher in zwei Lager: Anhänger, welche ihr blindlings vertrauen, und erbitterte Feinde. Persönliche Enttäuschungen mit engen Mitarbeitern führen zur Schliessung ihres Zentrums. Auch die Ehe zerbricht und wird geschieden. Elisabeth verlässt Kalifornien; sie steht vor einem Scherbenhaufen.

Doch sie gibt nicht auf: 1984 kauft sie sich eine Farm in Virginia und richtet ein neues Zentrum ein. Sie baut sich ein grosses Wohnhaus und drei Rundhäuser für Seminare und Workshops. Durch den dazugehörenden Landwirtschaftsbetrieb kann sich die Gemeinschaft beinahe selbst versorgen. Das hügelige Virginia wird ihr zur neuen Heimat. In diesen Jahren taucht eine bis anhin unbekannte Infektionskrankeit auf: AIDS. Durch einzelne Workshopteilnehmer wird Elisabeth schon früh mit der ganzen Tragweite dieser Krankheit konfrontiert. Sie möchte neben ihrer Farm ein Hospiz für aidskranke Kleinkinder und Babies errichten, doch der Widerstand in der Bevölkerung ist derart vehement, dass beispielsweise eine Informationsveranstaltung nur unter Polizeischutz durchgeführt werden kann. Die erforderliche Baubewilligung für das Aidshospiz wird ihr verweigert. Trotz internationaler Unterstützung kann das Vorhaben nicht realisiert werden.

Dennoch bleibt Elisabeth in Viriginia und führt von diesem neuen Angelpunkt aus ihre rege internationale Tätigkeit weiter. Nur: der schwelende Konflikt mit der Landbevölkerung wird nie richtig aufgelöst, im Gegenteil: 1994 wird ihr Wohnhaus im Zentrum "Healing Waters" durch Brandstiftung vollständig zerstört, während Elisabeth im Ausland weilt. Die Brandstifter werden nie gefasst werden.


PHOENIX, ARIZONA

Elisabeth zieht nach Arizona, in die Nähe ihres Sohnes Kenneth. Dort lebt sie alleine in einem Pueblo-Haus ausserhalb Phoenix. Nach einer Reihe von schweren Schlaganfällen fand sie sich einseitig gelähmt und in unmittelbarer Nähe des Todes wieder. Während sich ihre Gesundheit wieder stabilisiert, konnte sie sich nicht restlos von den Schlaganfällen erholen. Zwischen Spitalbett und Lehnstuhl hin- und herpendelnd, bleibt sie in ihrer
Bewegungsfreieht stark eingeschränkt.

Etliche Tage vergehen völlig einsam, mit einigen in Folie eingepackten belegten Broten auf der Ablage und Tee aus der Wärmeflasche, den ihre Haushalthilfe, die 3-4 Tage in der Woche erscheint, hingestellt hat. Dann wieder ist fast täglich Besuch da: aus der nahen Umgebung, aus der Schweiz, oder eine Klasse von Medizinstudenten.

Nach einem Unfall im September 2002 lebt sie heute in einem Pflegeheim in Scottsdale, Arizona und versucht nun in kleinen Schritten zu lernen, was es für sie noch zu lernen gelte: Selbstliebe. Unterordnung. Akzeptanz. Das hasse sie zwar alles, das sei verflixt schwierig, aber sie lerne es lieber jetzt noch, Lektion für Lektion, um eines Tages wirklich hinüber gehen zu können – in die andere Welt. Und dann werde sie durch die Galaxien tanzen – darauf freue sie sich jetzt schon.

Dabei lacht sie, überraschend, schelmisch und verschmitzt.

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INTERVIEW MIT REGISSEUR STEFAN HAUPT

Stefan Haupt, woher stammt Ihr Interesse für Elisabeth Kübler-Ross?
Die Idee zum vorliegenden Filmprojekt kam vor gut vier Jahren, als mir mehr zufällig als Reiselektüre ein Buch von Elisabeth Kübler-Ross in die Hand gekommen war: ihre Autobiographie Das Rad des Lebens. Über die Schweizer Ärztin hatte ich zwar immer wieder mal etwas gehört, von ihr gelesen hatte ich allerdings noch nie etwas. Die Lektüre berührte mich sehr; vor allem durch das eine, grosse Thema: «Unser Umgang mit dem
Tod». Dies packte mich und regte mich an, über ein mögliches Filmprojekt nachzudenken.

War die Beschäftigung mit dem Tod für Sie schon vorher ein Thema gewesen?
Das Thema «Tod», der Umgang, den unsere Kultur, den andere Kulturen und Religionen damit pflegen, interessiert mich schon seit meiner Jugendzeit. An der Art und Weise, wie eine Gesellschaft mit dem Tod umgeht, lässt sich erfahren, wie diese Gesellschaft sich dem Leben gegenüber verhält. Ich erinnere mich gut, wie ich es beispielsweise als 18-Jähriger als äusserst befremdend empfand, noch keinen toten Menschen zu Gesicht bekommen zu haben. Und wie sehr es mich etliche Jahre später tief traf, als ich meine Grossmutter am offenen Sarg vor dem Leichnam meines Grossvaters stehen sah, seine Hand in ihrer Hand, und ihr zuhörte, mit welcher Zärtlichkeit sie sich immer und immer
wieder bei ihm bedankte für das gemeinsame Leben und sich mit einem Kuss von ihm verabschiedete.

Elisabeth Kübler Ross lebte zur Zeit der Entstehung des Films nach mehreren Schlaganfällen sehr zurückgezogen in der Wüste Arizonas. Hatten Sie Schwierigkeiten mit ihr in Kontakt zu treten?
Die ersten Recherchen waren ernüchternd. Gleich von mehreren Seiten hörte ich: Was, die Frau ist doch schon längst tot. Als ich sie aber Monate später und nach etlichen Umwegen endlich selber am Telefon hatte und anfragte, ob ich sie im Hinblick auf einen eventuellen Film besuchen dürfe, meinte sie nur lakonisch: "Einem Schweizer kann ich nicht Nein sagen". Wann ich denn komme – und dass ich Läckerli mitbringen solle, und zwar die von der Migros, die andern seien ihr zu hart. Gleichzeitig begannen Sie auch das Umfeld zu recherchieren. Richtig, dank dem grossen Einsatz meiner MitarbeiterInnen hatte ich Berge von Zeitungsartikeln, Archivmaterialien, Fernsehinterviews, Bücher, Doktorarbeiten und Namenslisten von weiteren möglichen Interviewpartnern und -partnerinnen aus ihrem schier endlosen Umfeld zur Auswahl. Es gab eine Fülle schwieriger Entscheidungen, was davon tatsächlich im Film Verwendung finden sollte.

Elisabeth Kübler-Ross wirkt, wie wir im Film sehen, im Kontakt mit Kranken beinahe unberührbar. Wie war Ihr persönlicher Eindruck?
Die Begegnungen, ab September 1999, waren sehr spannend. Was mit einer Mischung aus Müdigkeit, Widerborstigkeit, Trotz und distanziertem Beobachten ihrerseits begann, wich immer mehr einem unverkennbaren Humor, einer Leichtigkeit mit überraschender Anteilnahme, einem riesengrossen Herz,– und plötzlichen Momenten der Stille. Und dann, aus dem nichts heraus, etwa auch sehr direkten Fragen: „Wie erziehen Sie ihre Kinder? Reden sie über den Tod? Wie suchen Sie sich ihre Mitarbeiter aus? Intuitiv? Gut so!"

Hat die Arbeit von Elisabeth Kübler-Ross als Wissenschaftlerin, Ärztin und Autorin den Umgang mit dem Tod in unserer Gesellschaft verändert?
Das Thema Tod löst natürlich nach wie vor Angst aus. Angst vor dem unwiderruflichen Abschied, vor dem eigenen Sterben, vor dem der Eltern, des Partners, der Partnerin, vor dem der eigenen Kinder. Über weite Epochen hinweg war der Tod fast ausschließlich eine Domäne der Geistlichkeit gewesen: die Ärzte waren nur am Leben interessiert. Wie kaum eine zweite Person hat Elisabeth Kübler-Ross in den letzten Jahrzehnten mit diesem Tabu gebrochen und dazu verholfen, dass heute das Sterben vermehrt als wesentlicher Teil des Lebens aufgefasst wird. Die Hospizbewegung, verschiedene Formen heutiger Sterbebegleitung sowie Selbsthilfegruppen für Trauernde sind zu einem erheblichen Teil auf ihre Initiative zurückzuführen.

Die Beschäftigung mit dem Tod ist ja meist aus der Konfrontation damit geboren. Denken Sie, daß erzeugt eine gewisse Schwellenangst, sich den Film anzuschauen?

Neben der Angst vor dem Tod gibt es auch ein Gefühl für die Bedeutung und den Gewinn, den es haben kann, sich mit dem Tod, mit dem Sterben schon jetzt, mitten im vollen Leben, zu beschäftigen. Nicht erst, wenn der Tod sich unmittelbar ankündigt, oder eine schwere Krankheit einen dazu zwingt. Dies ist, so bin ich überzeugt, keineswegs nur ein Thema für Alte oder Todkranke. Deprimierend ist der Film jedenfalls keineswegs,
im Gegenteil: von den Zuschauern höre ich immer wieder, wie der Film überraschenderweise witzig und humorvoll ist – und statt eines Films über den Tod vielmehr ein Film überdas Leben sei.

Wie geht es Elisabeth Kübler-Ross heute?
Im September 2002 fiel sie, als sie alleine zuhause war, aus dem Bett. Der Alarm, den sie immer bei sich trägt, funktionierte aus unerklärlichen Gründen nicht, so dass sie für eineinhalb Tage unbemerkt in ihrem Haus am Boden lag. Nach einem nötig gewordenen Spitalaufenthalt lebt sie nun in einem Pflegeheim in Scottsdale, Arizona, ganz in der Nähe ihres Sohnes Kenneth.

Zum Abschluss noch die Frage: Hat Elisabeth Kübler-Ross den Film schon gesehen?
Ja, am Telefon meinte sie, es habe ihr sehr gefallen, endlich wieder einmal mit ihren Schwestern plaudern zu können, und all ihre Patienten sehen zu können. Sie finde den Film schön, „verflixt schön…“


BIOGRAFIE STEFAN HAUPT
1961 geboren in Zürich
1978 – 1979 Austauschstudent an der Jeannette High School, Pennsylvania, USA
1985 – 1988 Schauspiel Akademie Zürich, Diplom als Theaterpädagoge
seit 1989 freischaffend tätig als Regisseur und Filmemacher

Mitglied FDS (Verband Filmregie und Drehbuch Schweiz) seit 1999 im Vorstand, verheiratet, 2 Kinder, lebt in Zürich


FILMOGRAFIE STEFAN HAUPT
1998 I'm just a simple person, Dokfilm; 49 min; Buch / Regie / Produktion
2000 Increschantüm, Dokfilm; 68 min; Buch /Regie /Produktion
2001 Utopia Blues, Kinospielfilm; 98 min; Buch /Regie /Koproduktion, Zürcher Filmpreis 2001, Schweizer Filmpreis 2002 Bester Spielfilm, Bester Hauptdarsteller, Max Ophüls Preis 2002 Bestes Drehbuch
2002 Elisabeth Kübler-Ross – dem Tod ins Gesicht sehen

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PRESSESTIMMEN

Stefan Haupt hat einen wundervollen Film über das Leben gemacht.
BLICK

Eine packende Chronik der Durchbrüche und Widersprüche.
AARGAUER ZEITUNG

Stefan Haupt ist ein Film gelungen, der überzeugt, weil er nicht versucht, das Thema Sterbebegleitung wissenschaftlich zu erklären, sondern einen Menschen in all seinen Facetten zeigt. Zudem ist dann und wann ein Lachen erlaubt.
TELE

Haupt ist das eindrückliche Portrait einer widerspruchsvollen und aussergewöhnlichen Frau gelungen.
SCHWEIZER ILLUSTRIERTE

Haupt gelingt mit seinem Portrait – obwohl er vor dem schwierigen Tabuthema Tod nicht die Augen verschließt – ein erstaunlich fröhlicher, fast schon beschwingter Film.
SPOTS

Dank diskreter kritischer Untertöne ist Stefan Haupt ein komplexer Film gelungen!
LUZERNER ZEITUNG

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Stand 12/05 - Irrtümer vorbehalten