GRENZE - LEBENSABSCHNITT TODESSTREIFEN
ein Film von Holger Jancke

Deutschland 2003, 78 Minuten, Farbe
WA: 16. August 2007 – erstmals bundesweit im Kino!

mit Dirk »Boja« Bojanowski
René »Lohengrin« Longin
Siegfried »Mückfried« Mücke
Thomas »LSD-Wälfi « Wolf
Thomas Rataj
und Herrn Schicht (Grenzaufklärer a.D.)




 

KURZTEXT
Eine dokumentarische Spurensuche des Regisseurs Holger Jancke nach vier Männern, mit denen er bis 1987 Wehrdienst bei den Grenztruppen der DDR geleitet hat. Eine Innenansicht aus der Zeit der deutsch-deutschen Teilung und ein Film über persönliche, seelische Grenzen.



Top >>

INFOTEXT
GRENZE ist der erste Film, der sich dem Innenleben der Grenztruppen der DDR widmet, der zeigt, welche Menschen den Dienst an den Zäunen zwischen Ost- und Westdeutschland, an der Grenze zwischen Warschauer Pakt und NATO, der Front des dritten Weltkrieges ableisteten. Es ist die Geschichte von vier Männern, die vor siebzehn Jahren in ihrer Jugend Frontdienst in Deutschland leisteten. Die vier treff en sich erstmals seit 1987 wieder. Sie sehen zum ersten Male die Fotos, die damals heimlich aufgenommen wurden, obwohl das Spionage war und dafür das Militärgefängnis gedroht hätte, und sie sehen den Ort des Geschehens. Ein absurder Zufall sorgte dafür, daß exakt ihr Postenbereich erhalten blieb. GRENZE ist eine Reise an diesen gespenstisch konservierten Schauplatz, eine Zeitreise und eine Reise ins Innere der Protagonisten, an ihre seelischen Grenzen. Und es ist die Geschichte eines Fünft en, der das Schicksal der anderen auf sich zukommen sah und versuchte, dem gesellschaft lichen Druck und der Staatsräson zu entkommen…


Top >>

INHALT
GRENZE erzählt die Geschichte von vier Männern, die vor siebzehn Jahren in ihrer Jugend – mit Neunzehn, Zwanzig, Anfang Zwanzig – Frontdienst in Deutschland leisteten. Und es ist die Geschichte eines Fünft en, der dieses Schicksal fürchtete.

Es ist der erste Film, der sich dem Innenleben der Grenztruppen der DDR widmet, der zeigt, welche Menschen an den Zäunen zwischen Ost- und Westdeutschland, an der Grenze zwischen Warschauer Pakt und Nato, der Front des dritten Weltkrieges standen. GRENZE ist eine Reise an den gespenstisch konservierten Ort des Geschehens, auch eine Reise ins Innere der Protagonisten, an ihre seelischen Grenzen – und eine Zeitreise.

Im Februar 1986 werden sie ins Grenzausbildungsregiment Halberstadt einberufen, um nach dem dortigen Training in den Schutzstreifen (Sprachregelung Ost) oder Todesstreifen (Sprachregelung West) irgendwo zwischen Helmstedt (West) und Hötensleben (Ost) versetzt zu werden und anderthalb Jahre lang ihren Wehrdienst zu absolvieren. Keiner von ihnen hat sich freiwillig gemeldet. Sie sind so unterschiedlich, wie man nur sein kann, doch der Drill einer sozialistischen Armee und der zusätzliche Druck des Grenzregimes zwingt ihnen die gleichen Erlebnisse auf und stellt sie vor existentielle Fragen. Doch in dem Alter erträgt man viel, verdrängt manches und hat Träume für die Zeit danach…

Nach 545 Tagen ist die Asche beendet, die vier leben ihre Leben weiter. Die Armeezeit scheint nur eine sehr unangenehme, doch ohne Schäden überstandene Episode in ihrer aller Biografi e zu sein – außerdem eine Zeit, über die man heutzutage besser nicht redet, denn das jetzige Bild der DDR-Grenzer als besonders linientreuer, vom Regime überzeugter und gewaltbereiter Menschen ist in der Öff entlichkeit fest zementiert.

Da wirkt erstaunlicherweise eine Propagandaformel der DDR bis heute: Die Grenzer sollten die Garde des Proletariats sein, die Elite aller DDR-Soldaten. Damals hätte jeder der Porträtierten über diesen Mist gelacht. Heute – achtzehn Jahre nach ihrer Einberufung – ist aber allen klar, dass ein anderer, zweiter Propagandaspruch stimmt: der vom Frontdienst im Frieden. Die Front existierte, der kalte Krieg war keine Floskel, es gab Tote, Verletzte, Schocks und Traumata, und keiner hier ist mit diesem Th ema fertig. Es ist der prägendste Teil ihrer Jugend, wenn nicht ihres Lebens. Aber keiner wagte bisher, darüber zu reden. Nun geschieht es erstmalig. Vielleicht ist es nur deshalb möglich, weil der Regisseur ihr Schicksal teilte. Es geht darum, die Grenze freizulegen, an der die Wehrpfl ichtigen entlangschrammten: nicht nur ein doppelter Streckmetallzaun zwischen Ost und West, mit Gräben, Türmen und Kolonnenwegen dazwischen, sondern die Grenze zwischen Staatsräson und individueller Freiheit, zwischen Anpassung und Bestrafung, Gesetz und Moral, zwischen Innen und Außen und Gestern und Heute.

Die vier treff en sich erstmals nach so langer Zeit wieder. Jetzt sehen sie die Fotos, die damals heimlich aufgenommen wurden, obwohl das Spionage war und dafür das Militärgefängnis gedroht hätte – und sie sehen den unveränderten Ort des Geschehens. Ein absurder Zufall sorgte dafür, daß bis jetzt exakt ihr Postenbereich erhalten blieb: ein paar hundert Meter originaler Mauer, B-Türme und Signalzauns – von insgesamt tausendvierhundert Kilometern innerdeutscher Grenze. Hier nahm auch das Leben des Fünft en eine Wendung, des Jungen, der damals versuchte, dem gesellschaft lichen Druck und der Staatsräson zu entkommen…



Top >>

REGISSEUR HOLGER JANCKE ÜBER SEINEN FILM
Wir ahnen nur, was uns erwartet, als wir am 4. Februar 1986 dem Einberufungsbefehl ins Grenz-Ausbildungsregiment nach Halberstadt folgen. Dirk Bojanowski, René Longin, Siegfried Mücke, Th omas Wolf und ich – neunzehn, zwanzig, Anfang zwanzig – wissen aber, dass auf Wehrdienstverweigerung in der DDR Gefängnis steht: anderthalb Jahre lang. Dann Wiedereinberufung. Bei weiterer Verweigerung abermals Knast und dann: Einberufung usw. In Halberstadt lernen wir schnell. Grenzer zu werden ist keine Grundausbildung wie anderswo, auch wenn sie wie in jeder Warschauer-Pakt-Armee mit Brüllereien, Gestank, Enge und üblen Spielchen beginnt. Man schleift uns besonders gründlich, weil es auf uns besonders ankommt – sagen die Sackies, die verhaßten Offiziere. Die sagen außerdem, daß das, was wir tun werden, Frontdienst im Frieden sei und wir die Garde des Proletariats sind: wir sollen die Westgrenze des sozialistischen Lagers gegen jeden Angriff schützen, mit allen Mitteln.

Wir hören weg, wenn wir nicht vor Erschöpfung einschlafen. Laß die Deppen reden… Aber als wir dann an den Kanten, unseren Grenzabschnitt bei Helmstedt versetzt werden und an der Frontlinie des kalten Krieges unserem Recht und unserer Ehrenpflicht nachkommen, wie es das Wehrdienstgesetz unnachahmlich formuliert, da stellen wir fest, daß es zum Krieg gar keinen Gegner braucht. Der Krieg findet in uns statt und manchmal zwischen uns: Wir lernen unsere Grenzen kennen. Die Frontlinie verläuft durch die eigene Seele und die Spaltung wird total: selbst unsere bürgerlichen Namen gelten nicht mehr, wir Soldaten untereinander verwenden die nie. Wir sind Boja, Lohengrin, Mückfried, LSD-Wölfi und Mad Bianco.

Nun geht es darum, ohne Schikanen den hirnrissig grotesken Schwachsinn um uns herum zu überstehen, das heißt: im Grenzer-Alltag zu tun, was verlangt wird. Es geht ebenso darum, die Kameraden nicht durch Fahnenflucht ans Messer zu liefern und harten Bestrafungen auszusetzen (auch wenn mancher von uns immer wieder an das Klettern über den Streckmetallzaun denkt). Und wir müssen uns dem stellen, was man eigentlich von uns erwartet, obwohl die meisten Offiziere Hirnverrenkungen unternehmen, um drumherum zu reden: um die Pflicht zum Schießen, schlimmstenfalls zum Mord – falls sich der Feind nämlich wie zu erwarten von der falschen Seite nähert. Wir Soldaten reden nicht darüber, soweit geht das Vertrauen doch nicht. Aber jeder denkt im stillen: Quatsch mit Soße. Hier kommt keiner. Nicht bei mir.

Einer, gerade 19 geworden, der sich all das ersparen will, setzt am 25. Februar 1987 kurzentschlossen alles auf eine Karte. Mitternachts bei Schneelage und minus 11 Grad Celsius eine Blutspur im Schnee, für ein paar Stunden wird der kalte Krieg heiß: für Boja, Lohengrin, Mückfried, LSDWölfi , mich und ihn, der von der totalen Freiheit träumt – und nicht vom Rechtsstaat. Ein halbes Jahr später werden wir nach 545 Tagen Wehrdienst entlassen. Wir sind sicher, uns trotz oder wegen des langen engsten Zusammenlebens nie wiederzusehen (obwohl wir in der ersten Euphorie der Freiheit alle lautstark das Gegenteil verkünden.) Als ich nach sechzehn Jahren für diesen Film zu recherchieren beginne und die damaligen Soldaten kontaktiere, droht einer mit dem Anwalt, ein anderer scheut die Kamera, weil er jetzt Beamter ist, aber Boja, Lohengrin, Mückfried und LSD-Wölfi sagen zu: fahren mit mir an den Kanten und reden, als hätten wir uns nur zwei Wochen nicht gesehen. Vergangenheit vergeht nicht.


Top >>


BIOGRAFIE HOLGER JANCKE
1966 in Berlin geboren
1985 Facharbeiterabschluss und Abitur in einer Druckerei
1986/87 Grundwehrdienst bei den Grenztruppen der DDR
1987–90 Arbeit im DEFA-Studio für Dokumentarfilme:
Recherche, Regieassistenz, Dramaturgie, Co-
Autor für Dokumentarfilme
zeitgleich 8- und 16mm-underground-Filme
1990/ Filmredakteur und Kritiker für die »taz«
1990/91 Videoarbeiten für Berliner Independent-Bands
1991–93 Mitarbeit an Industriefilmen, Lehrfilmen,
Werbefilmen
1993–95 Medienkunst-Autor für die »Berliner Zeitung«, Kunstvideoinstallationen
1993/94 Studium am Institut für Neue Medien Frankfurt/M.
1995 Berater und Dramaturg für das ZDF Fernsehspiel »Wer anhält, stirbt«
1997 »Tatort«-Drehbuch »Berliner Weisse« mit Olaf Kaiser für den SFB
1998/99 Drehbuch für den Kinofilm »Drei Stern Rot«, Produktion Olaf Jacobs, Regie Olaf Kaiser,
nominiert vom Verband der Deutschen Filmkritiker für das »Beste Debüt 2002«
2000 Regie MDR-Feature »Träume und Tränen«,
Grimmepreis-Einreichung 2001 des MDR
2001 Regie Dokumentarfi lm »Das Bankett« mit Olaf Jacobs
2002/2003 Regie Dokumentarfi lm »GRENZE«
2006 Regie »Tatort« (Folge »Blutschrift «)


Top >>


PRESSEBILDER



Top >>





Stand 07/07 - Irrtümer vorbehalten