KURISCHE NEHRUNG
ein Film von Volker Koepp
Kamera Thomas Plenert
Deutschland 2001, 35 mm, 1:1.66, Farbe, 92 min, Deutsch, Russisch, Litauisch
Buch und Regie VOLKER KOEPP Kamera THOMAS PLENERT
Ton MATTHIAS PFISTER und UVE HAUSSIG Schnitt ANGELIKA ARNOLD
Regieassistenz ANJA FIEDLER Tonmischung ROBERT JÄGER
Produktionsleitung FRITZ HARTTHALER Filmgeschäftsführung KARIN
FIEDLER
Produzenten THOMAS GEYER und BARBARA FRANKENSTEIN
Redaktion ULRIKE BECKER und EBBO DEMANT
eine Produktion der THOMAS GEYER FILM mit VINETA FILM, BERLIN
und SÜDWESTRUNDFUNK in Zusammenarbeit mit ARTE
Die
KURISCHE NEHRUNG und fünf weitere Film von Volker Koepp auf DVD
www.koepp-kollektion.de
INHALT
Wo die Memel durch ein Delta ins Haff mündet, trennt
eine Landzunge Ostsee und Haff: Die Kurische Nehrung, ein achtundneunzig
Kilometer langer Strich Land, der Cranz (Selenogradsk) im Süden
mit Sandkrug (Smiltyne) im Norden verbindet. Vom Ufer des Haffs bis
zum Strand der Ostsee sind es dabei oft nur wenige hundert Meter. Sturmfluten
teilten hin und wieder die Nehrung. Zwischen Kiefern und Erlen hat der
Wind die Wanderdünen vor sich hergeschoben: Der Sand hat manches
Dorf begraben. Sarmatische Ufer, Baltische Völker und Jahrhunderte
deutscher Geschichte. Bald nach dem ersten Weltkrieg wird die eine Hälfte
der Kurischen Nehrung mit dem Memelland litauisches Staatsgebiet, und
nach dem zweiten Weltkrieg der bis dahin noch deutsche Teil dem russischen
kalinigradskaja oblast, dem Königsberger Gebiet zugeschlagen und
ist für Jahrzehnte unerreichbar.
Volker Koepp und sein Kameramann Thomas Plenert zeigen eine Landschaft
und ihre Bewohner. Wolken treiben über die Dünen hinaus aufs
Meer. Ihre Schatten wandern über den Sand. Der Wind faucht ins
Mikrophon. Die Menschen suchen nach ihrem kleinen Glück. Die Orte
des Films liegen beiderseits der Grenze, zwischen den Dünen. Nidden,
das litauische Nida und Rossitten, russisch: Rybatschi. Seit dem 19.
Jahrhundert wird die Kurische Nehrung und das Fischerdorf Nidden von
Reisenden, Malern und Schriftstellern entdeckt. Wilhelm von Humboldt,
dem ohne die Kurische Nehrung ein wunderbares Bild in der Seele fehlen
würde. Lovis Corinth und Max Pechstein. Thomas Mann, der sich in
Nidden ein Sommerhaus baut.
Nach dem Krieg muß Litauen Sowjetrepublik werden. Doch anders
als im russischen Teil der Nehrung bleiben hier einige Deutsche in ihren
Heimatorten. Menschen wie die Rentnerin Renate, die 1961 einen russischen
Matrosen geheiratet hat und in eigensinnig schönem Deutsch aus
ihrem Leben erzählt. In Rossitten werden wie überall im nördlichen
Ostpreussen nach 1945 die übriggebliebenen Deutschen abtransportiert
und verschiedene Nationalitäten aus der Sowjetunion angesiedelt,
wie der russische Filmvorführer, dem gerade seine Arbeit abhanden
gekommen ist oder der Fischer mit seiner Frau, die verliebt im Gartenlokal
sitzen und sich ein zweites Kind wünschen. Allen gemein ist der
trotzige Optimismus mit dem sie dem Leben entgegentreten. Keine Maske,
sondern der Ausdruck einer Ganzheit von Mensch und Landschaft. + Auf
Verordnung des zuständigen UNESCO-Ausschusses wurde die Kurische
Nehrung in die UNESCO-Liste für Weltkultur- und Naturerbe als eine
“Kulturlandschaft, die ein Beispiel der harmonischen Koexistenz
von Natur und Mensch darstellt”, eingetragen.
Top >>
INTERVIEW
MIT VOLKER KOEPP
Herr Koepp, was waren Ihre Beweggründe,
einen Film über die Kurische Nehrung zu machen?
Der erste Film, den ich in Ostpreußen und Litauen
gedreht habe, hieß: Grüße aus Sarmatien. Das war 1971
oder 1972, vor dreißig Jahren also. Die Sehnsucht nach jener Landschaft
begann noch einige Jahre früher: 1963 waren Gedichte von Johannes
Bobrowski erschienen. Das Bändchen hieß Sarmatische Zeit.
Also, ich war mit der Filmhochschule Babelsberg fertig und etwas später
bei der DEFA. Dort bemühte ich mich, sogleich, ein Portrait des
Dichters zu realisieren. Es klappte. Über Moskau und mit viel Begleitung
kamen wir nach Litauen, damals bekanntlich noch Sowjetrepublik. Ins
Königsberger Gebiet – es gehörte ja zur Russischen Föderativen
Sowjetrepublik – kamen wir freilich nicht, auch nicht in Brobowskis
Geburtsort, nach Tilsit. Aber wir waren am Litauischen Ufer des Kurischen
Haffs und für einige Stunden sogar auf der Kurischen Nehrung –
und da natürlich nur auf der Litauischen Seite. Dieser
Kurzaufenthalt verstärkte freilich die Sehnsucht: Ich drehte auch
in der DDR gern an der Ostsee und auch dort mit Ostpreußen. Ein
Film hieß Gustav J. Dann kamen die frühen neunziger Jahre,
wir drehten Kalte Heimat und Fremde Ufer, man konnte nun über den
natürlichen Weg durch das nördliche Ostpreußen an die
samländischen Küsten, nach Tilsit und an die Memel reisen
Zwei besondere Landschaften in Ostpreußen hatte ich mir für
einen eigenständigen Film aufgehoben: die Gilge, ein Fluß
im Memeldelta, der im Kurischen Haff mündet (1998 gedreht), und
jetzt also die Kurische Nehrung. Um auf Ihre Frage zurückzukommen:
Beweggründe stecken immer auch in Entwicklungslinien der eigenen
Arbeit, in Vorhaben für Landschaften und Menschen, die in diesen
Landschaften leben. Und dann: Es geht auch um Gegenden, in denen verschiedene
Nationalitäten lebten und leben.
Wie weit waren Ihre Recherchen fortgeschritten, als Sie für die
Dreharbeiten dorthin fuhren? Gab es einen genauen Drehplan?
Jeder Drehtag kostet natürlich viel Geld. Es ist deshalb gut, wenn
ich im Vorfeld bereits zwei oder drei Eckpunkte habe, bei denen ich
mir sicher sein kann, diese in den Film zu integrieren. Das können
beispielsweise Leute sein, mit denen ich reden möchte. Einerseits
versuche ich also, sofort mit dem Drehen zu beginnen, andererseits muß
ich mir Raum für Entdeckungen offen halten. In einem solchen Film
spielt aber die Landschaft – dieser schmale Landstrich –
eine so große Rolle, daß auch die Menschen, die von dieser
Natur umgeben sind, eine bestimmte Prägung erfahren haben. Erst
kürzlich habe ich in einem alten Reisebericht einen schönen
Satz gelesen, der die Herangehensweise auf den Punkt bringt: "Wer
die Leute will versteh´n, soll zuerst das Land beseh´n."
Eine meiner Protagonistinnen, Renate, habe ich am letzten Tag einer
Recherchereise kennengelernt. Ich sagte ihr, ich würde sie besuchen,
wenn unser Team vom Drehen zurückkehrt. Zu Hause wurde mir dann
klar, wie wunderbar es wäre, sie in meinem Film zu haben. Renate
wurde dort geboren, sie ist eigentlich Deutsche, spricht natürlich
Litauisch und Russisch. Das Deutsche mußte sie erst wieder hervorholen.
Sie hat also im Gegensatz zu den Touristen, die ihren Geburtsort auf
der Nehrung aufsuchen, immer dort gelebt und die Geschichte der Nachkriegszeit
dort durchschritten. Sie ist deshalb weniger sentimental. Als wir wiederkamen,
war sie sehr aufgeschlossen. Ich wußte zu diesem Zeitpunkt noch
nicht, daß sie mit einem Russen verheiratet ist und zwischendurch
auch in Rußland gewesen war. Sie ist ein Bild für das fortgesetzte
Durcheinander der Nationalitäten in diesem Landstrich.
Die Menschen in Ihrem Film tragen alle ein schwieriges Schicksal. Wie
gelingt es Ihnen, diesen Personen dennoch einen gewissen Optimismus
ausstrahlen zu lassen?
Das ist schwer zu beantworten. Ich glaube, daß ich
von der Hoffnung und dem Wunsch ausgehe, das Leben solle gut verlaufen.
Die Lebensläufe, die ich versuche zu beschreiben, haben sicherlich
noch viel stärkere Brüche. Das Schicksal war für diese
Menschen oft noch viel härter, als sie es jetzt im Gespräch
beschreiben können und wollen. Als Grundlage versuche ich vermutlich
Leute zu finden, die ich einfach mag. Ich glaube, daß es schön
ist, diese Menschen vorzustellen. Auf der anderen Seite merken sie auch,
daß ich ernsthaft an ihrem Leben interessiert bin.
Wie würden Sie die Art Ihrer Fragestellung bzw. Annäherung
an Menschen beschreiben? Es ist auffällig, wie offen die Menschen
mit Ihnen reden.
Es gibt ja die abenteuerlichsten Vermutungen darüber, wie ich frage.
Ich mache mir im Vorfeld keine Gedanken darüberv – das ist
keine Koketterie. Ich zwinge mich geradezu, mir die Richtung des Interviews
nicht genau zu überlegen. Manchmal frage ich mich sogar, worüber
man sich denn jetzt unterhalten solle. Wenn die Situation entspannt
ist, brauche ich oft auch gar nichts zu fragen. Es braucht Vertrauen,
das ist klar. Mir geht es immer um den Versuch, jeweils etwas vom Leben
zu erfahren, und dafür gibt es keine Technik im eigentlichen Sinne,
weil die Menschen so unterschiedlich sind. Die Atmosphäre muß
einfach stimmen. Es ist auch schwierig, vorher alles durchzusprechen.
Herr Zwilling aus Herr Zwilling und Frau Zuckermann sagte nach so einer
Situation während des Drehens plötzlich: "Aber das habe
ich Ihnen doch schon alles erzählt". Man muß, wenn man
jemanden kennengelernt hat, das weitere Kennenlernen in die Zeit der
Dreharbeiten verlegen.
Wie reagieren die Menschen, wenn Sie als Deutscher in dieser Region
filmen?
Die Reaktion ist inzwischen relativ normal. Man ist sicherlich nicht
zu sehr daran gewöhnt, daß ´Medien´ auftauchen.
Andererseits habe ich festgestellt, daß die Menschen, die so lange
in einer Gegend gewohnt haben, die nicht besucht werden durfte, auch
ein starkes Mitteilungsbedürfnis haben. Ich glaube einfach, daß
all diese mittelosteuröpäischen Gebiete wichtig sind für
die Zukunft Europas. Sie sagten zuvor, daß in meinem Film auch
Hoffnung steckt. Das sagt ja schon viel aus. Es gibt eine Reisebricht
aus dem 19. Jahrhundert mit dem Namen Idyllen vom baltischen Ufer. Und
das trifft auf die Kurische Nehrung auch zu, denn die Gegend ist noch
viel härter als im Film dargestellt. Ich denke in diesem Zusammenhang
auch an ein Märchen, in dem die Hoffnung und das Gute die Oberhand
behalten. Sicherlich hat Renate ein Schicksal zu tragen: Ihre Mutter
starb 1945, wie sie mitteilt, während ihr Vater in Deutschland
blieb und sich nie mehr meldete. Sie wuchs bei ihrem Großvater
auf, der sie aber auch immer weiterreichte an Leute, bei denen sie wohnen
und essen konnte. Für sie ist das ein ganz schweres Schicksal.
Man darf nicht vergessen, daß diese Gebiete östlich der Oder
für Deutschland auch verloren waren, weil es den Zweiten Weltkrieg
begonnen hatte. Für Renate war es aufgrund ihrer Herkunft deshalb
bestimmt schwierig, einen Russen zu heiraten. Es hat bei den Deutschen,
die davon wußten, sicherlich böses Gerede gegeben. Wiederum
ist der Vater ihres Mannes auch im Krieg gefallen, und ebenso verstarb
auch seine Mutter früh an den Folgen des Krieges. Schließlich
zeigt sich, daß es über die Nationalitäten hinaus ein
übereinstimmendes, schweres Schicksal gibt, das wichtiger ist als
die Frage nach russischer oder deutscher Herkunft. Das ist wohl insgesamt
ein Merkmal der Region östlich der Elbe, also dem Einzugsgebiet
der großen Ströme Memel, Weichsel und Oder. Dieser Raum war
schon immer anders.
Was genau motiviert Sie, immer wieder an die Orte Ihres Schaffens zurückzukehren?
Ich fahre nicht einfach nur hin und gehe wieder, sondern der Kontakt
bleibt bestehen. Für mein eigenes Leben ist diese Situation manchmal
auch schwierig. Frau Zuckermann ist auch immer ein bißchen beleidigt,
wenn ich sie drei Wochen lang nicht angerufen habe. Die Beziehungen
in dieser Art Dokumentarfilm gehen weit über den Film hinaus. Ich
lasse mich dabei auf Dinge ein, die ich vielleicht gar nicht immer erfüllen
kann. Gerade wenn man diese Menschen mag, möchte man sie auch außerhalb
der filmischen Arbeiten nicht enttäuschen. Im Laufe der Jahre kommen
da viele Menschen zusammen. Ich habe vor zwei Jahren eine Rundreise
gemacht und viele Leute besucht, mit denen ich gedreht habe. Alle konnte
ich nicht mehr aufsuchen: Wenn man Filme über das Leben macht,
gehört der Tod dazu. Wie auch bei Herrn Zwilling, der bald nachdem
der Film fertig war, verstarb. Als ich mir überlegte,welchen Film
ich nach Herr Zwilling und Frau Zuckermann mache, da dachte ich an meine
Landschaft – die Kurische Nehrung. Wo der Wind immer weht und
man oben auf der Düne steht, da kann man weit schauen: Ich sehe
das Haff, das Meer, die Vögel, die weiterfliegen...
Die Wanderdünen auf der Kurischen Nehrung korrespondieren sicher
auch damit. Sie sind auch eine Metapher für die Mobilität
in dieser Region – die Wanderungen, die Aussiedlungen, die Vertreibungen?
Ja, sie sind zwar seit Anfang des 20. Jahrhunderts befestigt, aber einige
Dörfer waren zuvor einfach langsam vom Sand verschluckt worden.
Der Sand war nicht aufzuhalten. Es gibt hierzu noch eine andere Geschichte:
Nach der Schlacht bei Waterloo nahm der Kurierreiter auf dem Weg nach
Petersburg den kürzesten Weg, nämlich den über die Kurische
Nehrung. Er blieb im Sand stecken. Dadurch wurde die Nachricht vom Sieg
über Napoleon erst sehr verspätet in Petersburg vernommen.
Interessant ist, daß die Region immer noch nicht wirklich bekannt
ist. Man muß oft einen Atlas zu Hilfe nehmen, um zu erklären,
wo sich die Kurische Nehrung befindet. Dabei ist der Landstrich nicht
weiter entfernt von Berlin als München. Merkwürdig, daß
eine so wunderbare Gegend nicht häufiger bereist wird. Natürlich,
es gibt die unbequemen Grenzen, aber etwas mehr Interesse an den östlichen
Nachbarn wäre nicht schlecht – zumal ja immer von Osterweiterung
gesprochen wird.
Es existiert bei den Generationen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren
wurden, vielleicht immer noch eine gewachsene mentale Einteilung in
die westliche und östliche Hemisphäre. Ihr Film vermag hoffentlich
dazu beitragen, daß diese Spaltung stärker aufgebrochen wird
und eine größere Annäherung erfolgt.
Ja, es hat sich vor allem nach der Öffnung
um 1990 gezeigt, daß viele Menschen sich plötzlich für
diese östlichen Gegenden interessiert haben. Aber dieses Interesse
flaute dann ziemlich schnell wieder ab. Es ist immer noch bequemer,
woanders hinzufahren. Vielleicht bewegt die avisierte EU-Erweiterung
wieder etwas. Andererseits kennen viele noch nicht einmal die nördlich
von Berlin gelegene Uckermark, wo ich jetzt auch einen Film mache.
Einerseits ist die Bewegung in Ihrem Film unverkennbar, andererseits
ist die Kurische Nehrung dominiert von einer fest definierten statischen
Grenze zwischen Litauen und Rußland. Wie werden Sie in Ihrem Film
dieser Ambivalenz gerecht?
Wir haben darüber nachgedacht, an der Grenze zu drehen, kamen aber
zu der Erkenntnis, daß dadurch nicht viel beschrieben würde.
In dem Gespräch mit dem Mädchen im Bernsteinmuseum frage ich
sie nach einem Exkurs in der Gegenwart, der zunächst den jahrhundertealten
Bernstein konterkariert. Ich frage sie, ob sie sich manchmal auf der
russischen Seite aufhält. Sie verneint mit der Ergänzung,
sie sei dort das letzte Mal vor vier Jahren gewesen. Man höre,
so setzt sie fort, über den dortigen desolaten Zustand. Es sei
vielleicht gut, wenn jeder etwas von dieser schönen Landschaft
habe. Dieses Wegschieben der Thematik ist wohl typisch für die
vorhandene Wahrnehmung. Man fährt da einfach nicht hin. Die Teilungen,
das Verschieben von Grenzen und das Durcheinander von Sprachen werden
als Besonderheit in dieser Gegend akzeptiert.
Top
>>
Stand 05/06 - Irrtümer vorbehalten
|