DAS MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT - ALLTAG EINER BEHÖRDE
ein Film von Christian Klemke und Jan N. Lorenzen
Deutschland 2002, 90 Minuten, Farbe
Bundesstart der WA: 7. Juni 2007
KURZINHALT
DAS MINSTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT –
ALLTAG EINER BEHÖRDE, einer der wenigen dokumentarischen Auseinandersetzungen
mit dieser Thematik, ist ein Film über Menschenbild, Selbstverständnis
und Rechtfertigungsstrategien der Stasi – erzählt von den
Tätern selbst.
Der große Erfolg von Florian Henckel
von Donnersmarcks Spielfilm DAS LEBEN DER ANDEREN zeigt, dass die Auseinandersetzung
mit der Stasi auch weiterhin ein aktuelles und wichtiges Thema ist -
nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.
Top >>
INHALT
Nichts war in der DDR so geheim, wie die
Arbeitsweise des Ministeriums für Staatssicherheit. Die Bedrohung,
die vom MfS ausging, war unbestimmt und unkalkulierbar. Selbst Betroffene
ahnten oft nicht, wie weit der Arm des MfS reichte. Für fast 100.000
hauptamtliche Mitarbeiter war das MfS jedoch täglicher Arbeitsplatz.
Neun von ihnen, zuletzt Generäle oder hohe Offiziere, traten nun
vor die Kamera und erzählen vom Innenleben des MfS-Apparates, vom
Lebensgefühl seiner Mitarbeiter und von den Techniken der zur täglichen
Routine gewordenen Geheimdienstarbeit. Wie verlief eine Verhaftung,
wie ein Verhör, wie die Anwerbung eines Inoffiziellen Mitarbeiters,
und was waren die Praktiken in der Untersuchungshaft? Sie erzählen
von ihrer Befriedigung beim Erreichen eines Geständnisses, von
ihrem Verhältnis zu Minister Mielke und von ihren Gefühlen
gegenüber abtrünnigen Mitarbeitern.
„Sie haben Urenkel und aufgeräumte Wohnstuben, in denen die
üblichen Zimmerpflanzen gute Pflege verraten. Sie haben eine kleine
Rente und viel zu erzählen: Erinnerungen an ihre Arbeit in Erich
Mielkes Auftrag. Sie haben sogar eine Bühne dafür: die 90-minütige
Dokumentation "Das Ministerium für Staatssicherheit - Alltag
einer Behörde" von Christian Klemke und Jan N. Lorenzen. Darf
ein Podium bekommen, wer eher auf die Anklagebank gehört?
So einfach will es dieser Film nicht machen. Er kann weder Geheimnisse
aufdecken, noch Schuld sprechen. Er zeigt neun Generäle und hochrangige
Offiziere, die von dem berichten, was bis 1989 Klassen-Arbeit war. Gerhard
Niebling ist dabei, Wolfgang Schwanitz, Horst Männchen oder Willi
Opitz. Unerträglich sachlich erläutern sie die organisatorischen
Abläufe der Erpressungen, Verhaftungen, Verhöre - manch einer
scheint es zu genießen und erliegt nostalgischer Schwärmerei
für die lückenlose "Überwachung der inneren Sicherheit".
Ein Anfangsspott über die noch immer bieder-verschrobene
Wortwahl der Tschekisten weicht wachsender Übelkeit angesichts
der gefährlichen Intelligenz im Spießergewand. Verdienst
dieses Filmes ist es, Machtmechanismen und Charaktere zu zeigen, die
leider weder überholt noch einmalig sind.“(LEIPZIGER VOLKSZEITUNG
vom 18.10.2002)
Top >>
DIE
PROTAGONISTEN
Kurt Zeiseweis:
Operativer Mitarbeiter. IM-Führungsoffizier in der Abt. XX der
Bezirksverwaltung Berlin. Zuständig für die Bearbeitung des
sogenannten politischen Untergrundes.
Siegfried Rataizick:
Seit 1950 in allen Funktionen der Abt. XIV (Untersuchungshaft, Strafvollzug)
tätig. Zuletzt als Leiter.
Gerhard Niebling:
Zuletzt zuständig für die Koordinierung und Abwicklung des
Häftlingsfreikaufes. Davor 25 Jahre als Vernehmer in der Untersuchungshaftanstalt
Berlin-Hohenschönhausen tätig.
Karli Coburger:
Leiter der Hauptabteilung VIII (Beobachtung, Festnahmen). Davor 10 Jahre
als operativer Mitarbeiter für Beobachtungen und Festnahmen und
15 Jahre als Vernehmer tätig.
Gerhard Neiber:
Stellvertreter von Erich Mielke. Davor in verschiedenen Funktionen an
den Bezirksverwaltungen Erfurt, Schwerin und Frankfurt/Oder. Tätig
u.a. als IM-Führungsoffizier.
Wolfgang Schwanitz:
Stellvertreter von Erich Mielke und Chef des operativ-technischen Sektor
des MfS. Davor Bezirkschef des MfS Berlin. Tätig u.a. als IM-Führungsoffizier.
Horst Männchen:
Zuletzt Leiter der Abt. III (Funkabwehr, Funkaufklärung). Davor
30 Jahre als Funker tätig. 1961 wegen Alkoholproblemen kurzzeitig
aus dem MfS entlassen.
Willi Opitz:
Zuletzt Rektor der Juristischen Hochschule des MfS in Potsdam-Eiche.
Davor als Lehrkraft für verschiedene operative Bereiche der Stasi-Tätigkeit
tätig (z.B. IM-Arbeit, Zersetzungstechniken usw.)
Wolfgang Schmidt:
25 Jahre lang in der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe tätig.
Günter Möller:
Zuletzt Leiter der Abt. Kader und Schulung, davor in der Spionageabwehr
tätig.
Wanja Abramowski:
Mitarbeiter der HVA in der Abteilung für Militärtechnik. Im
April 1988 auf eigenen Wunsch aus dem MfS ausgeschieden.
Top >>
STELLUNGNAHME
DER AUTOREN ZUM PROBLEM DER ,TÄTERPERSPEKTIVE‘
Der Dokumentarfilm DAS MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT –
ALLTAG EINER BEHÖRDE ist ein Film über das MfS aus der Innensicht.
Dafür haben wir 9 zuletzt hochrangige Mitarbeiter des MfS befragt.
In einem Ausmaß, auf das wir anfangs nicht zu hoffen gewagt hatten,
haben diese Mitarbeiter die Arbeitsmethoden der Staatssicherheit bis
hin zu psychologischen Tricks bei Verhören und bei der Führung
von Inoffiziellen Mitarbeitern offengelegt – freilich ohne sich
zu einer moralischen Schuld zu bekennen. Aus unserer Sicht bedarf der
Film keines ,Gegengewichts durch Opferaussagen‘_. Im Gegenteil:
Bei unserer Konzentration auf die Innensicht des MfS wären wir
gar nicht in der Lage, den berechtigten Emotionen der Opfer und ihren
individuellen Schicksalen ausreichenden Stellenwert zu geben. Und das
vordergründige Benutzen von Opferschicksalen als Gegengewicht nur
im Sinne einer political correctness scheint uns unangemessen, sogar
unmoralisch.
Das bedeutete für uns aber nicht, die ,Täterperspektive‘
einfach zu übernehmen. Im Gegenteil, es hieß, die Täterperspektive
zu nutzen, um den Blick auf die Täter, ihre Handlungsmotive und
Rechtfertigungsstrategien zu lenken. Die Aussagen der ehemaligen MfS-Mitarbeiter,
so selbstentlarvend sie oft sind, bleiben nicht unkommentiert. Die Sprache
des Films, das Bild, das Wort, die Montage, die Musik kontrastiert und
konterkariert die Aussagen der Täter und macht ihre Ausflüchte
und Beschönigungen für den Zuschauer offensichtlich.
DAS MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT – ALLTAG EINER BEHÖRDE
ist kein Film aus der Sicht der Täter, sondern ein Film über
Täter.
Top >>
ALEXANDER
REICH IM GESPRÄCH MIT JAN N. LORENZEN
JUNGE WELT vom 18.10.02 (Interviewauszug)
F: Wie haben Sie das Vertrauen der Interviewten gewonnen?
Den ehemals stellvertretenden Minister für Staatssicherheit Wolfgang
Schwanitz kannten wir von der Arbeit am MDR-Film »Die Sekretäre«.
Er hat die Kontakte zu seinen Exkollegen hergestellt, unter anderem
zu Willi Opitz, dem Leiter der Hochschule des MfS, Siegfried Rataizik,
dem Leiter der Untersuchungshaftanstalten, Gerhard Niebling, dem Leiter
der Abteilung Flucht/Übersiedlung.
F: Sie haben die Leute in ihren Privatwohnungen interviewt?
Größtenteils, ja. Herrn Niebling in seiner kleinen Datsche
in der Schorfheide.
F: Wie viele Mitarbeiter hatte die Staatssicherheit?
Etwa 85000 »offizielle« und bis zu 150000 »inoffizielle«
– je nachdem, ob man zum Beispiel IMS hinzurechnet, die offen
in Betrieben agierten. In Osteuropa hatte die DDR die mit Abstand höchste
Überwachungsdichte.
F: Und sicher den größten Bestand an unnützen Informationen.
Es war zumindest eines der Ziele dieses Films zu zeigen, daß die
Staatssicherheit in der Öffentlichkeit nicht nur dämonisiert,
sondern auch glorifiziert wird: Ein perfekter Apparat war das nicht.
Es gab Leerlauf, Tratsch in den Kantinen, ganz normale Behördenmentalitäten.
F: Zurück zu den Kontaktgesprächen – was war
der Deal?
Es sollte ein Film aus der Sicht des MfS werden, die Opfer sollten nicht
vorkommen.
F: Woher stammt der eingelesene Text, in dem ein Verhörter
mit dem Tode bedroht wird, dem Verschwinden in einem Barkas mit der
Aufschrift »Brot und Gemüse«?
Das sind Häftlingserinnerungen.
F: Widerspricht das nicht dem Deal?
Nein, sonst würden auch die verwendeten Verhörfilme aus den
Archiven dem Deal widersprechen. Das sind auch Stimmen der Opfer.
F: Ist es für Sie nicht nachvollziehbar, daß etwa
Willi Opitz – der sich heute mit leuchtenden Augen an die Abenteuer
des »operativen Lebens« erinnert, während er in seinem
Kiez Werbematerial austrägt – einer Öffentlichkeit mißtraut,
die das MfS irrational für vieles verantwortlich gemacht hat?
Insofern, als daß diese Leute ihrem Selbstverständnis nach
für ein dienstleistendes Organ der Partei tätig waren, am
Ende aber geprügelt wurden, während die Partei relativ glimpflich
davonkam. Ihre Kritikunfähigkeit hat trotzdem wohl mehr mit den
40 Jahren Dienst in einem geschlossenen System zu tun.
Top >>
DIE
REGISSEURE
Christian Klemke, geboren 1949, war Regieassistent
im Defa-Dokumentarfilmstudio bevor er bis 1979 an den Filmhochschulen
Moskau und Babelberg studierte. Bis 1992 war er Regisseur bei der Defa,
seitdem ist er freischaffender Regisseur und Autor.
Jan N. Lorenzen, geboren 1969, studierte in Hamburg
und Berlin Geschichte. Von 1994 bis 2000 war er als Redakteur beim MDR
im Bereich Zeitgeschichte tätig. Seit 2001 arbeitet er als freier
Regisseur und Autor.
Gemeinsame Filme: Stalin gegen Hitler – Das Duell der Diktatoren
(1998), Die Sekretäre – Walter Ulbricht und Erich Honecker
(1999), Roter Stern über Deutschland – Die sowjetische Militärherrschaft
1945 bis 1994 (2002), Die hungernde Stadt- Leningrad im Zweiten Weltkrieg
(2003)
Top >>
STAB
Regie & Buch: |
Christian Klemke, Jan N. Lorenzen |
Kamera: |
Peter Badel |
Schnitt: |
Angela Wendt |
Ton: |
Bernd Schmidt, Jens Zahorszky |
Produzent: |
Wolfgang Katzke |
Redaktion: |
Beate Schönfeldt |
Produktion: |
e-Motion Picture Baden-Baden/Ludwigsburg in Koproduktion
mit dem MDR in Zusammenarbeit mit Arte |
Hergestellt mit Mitteln der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg
MFG und
der Mitteldeutschen Medienförderung MDM im
Verleih der EDITION SALZGEBER mit freundlicher Unterstützung durch
MDM Mitteldeutsche Medienförderung
und die Stiftung Aufarbeitung
Top >>
PRESSEBILDER
Top >>
Stand 05/07 - Irrtümer vorbehalten |