NACH EINER WAHREN GESCHICHTE

ein Film von Walter Stokman
Niederlande 2004, 75’, Farbe, OmU

STAB
Regie & Buch Walter Stokman
Kamera Jackó van’t Hof
Schnitt Menno Boerema
Sounddesign Ranko Pankovi´c
Ton Rik Meier
Musik Ronald Kool
Produzent Kees Kasander
Produktion Kasander Film Company
Co-Produktion VPRO TV, Amsterdam
Mit freundlicher Unterstützung von CoBo Fund, Rotterdam Film Fund, Dutch Cultural Broadcasting Promotion Fund


FESTIVALS
Seattle International Filmfestival 2005 BEST DOCUMENTARY
Internationale Filmfestspiele Berlin 2005
New York Lesbian and Gay Film Festival 2005
San Francisco International Lesbian and Gay Film Festival 2005
Rio de Janeiro International Film Festival 2005

INHALT

An einem heißen Augustnachmittag des Jahres 1972 kommt John 'the dog' Wojtowicz in eine Brooklyner Filiale der Chase Manhattan Bank gestürmt und verlangt, mit der Waffe in der Hand, eine prompte Auszahlung in beträchtlicher Höhe – vergebens. Denn unerwartet schnell steht die Polizei vor der Bank und versperrt den Ausgang. Wojtowicz nimmt acht Geiseln. Aus dem geplanten Expressüberfall wird ein 14-stündiger Nervenkrieg, ein Spektakel, an dem neben Polizisten und Passanten auch die Medien teilnehmen und der mit Wojtowiczs Verhaftung endet.

Aus Interviews mit Beteiligten und Archivmaterial rekonstruiert Stokmanns Film den Banküberfall, der, wenn auch nicht in die Geschichte, so doch in die Filmgeschichte eingegangen ist – durch Sidney Lumets 1975 gedrehtes meisterliches Psychodrama HUNDSTAGE, in dem Al Pacino den ebenso verzweifelten wie glücklosen Bankräuber verkörperte.

Bei der Gerichtsverhandlung wird John Wojtowicz erklären, er wollte mit der Beute die Geschlechtsumwandlung seines Liebhabers Ernie Aaron alias Liz finanzieren und so dessen Leidensweg mit Selbstmordversuchen und Aufenthalten in der psychiatrischen Klinik beenden. Das spektakuläre Motiv macht den Fall für die Massenmedien interessant. Eine TV-Moderatorin lädt Liz in ihre Talkshow ein – und lässt John anschließend Grüße aus dem Gefängnis in die Kamera sprechen: „Es war wohl Liebe“, sagt John, „denn Liz war lausig im Bett.“ Die Ironie der Geschichte: Erst durch das Geld, das Hollywood ihr für die Story zahlte, kann sich Liz die Operation leisten – ihrem Liebhaber ist sie nie mehr begegnet. Liz stirbt 1987 an den Folgen von Aids. Als Wojtowicz seine Strafe verbüßt hat, kehrt er nach Brooklyn zurück und zieht in ein Haus, das nur wenige Häuserblocks vom Ort seines Überfalls entfernt ist. Seither führt John Wojtowicz ein Leben im Schatten einer filmischen Erinnerung, die nicht die seine ist. Unter den vielen Augenzeugen, die sich nach der Tat und aus Anlass ihrer Verfilmung zum Verlauf des 14-stündigen Geiseldramas äußerten, fehlte bislang Wojtowicz’ Darstellung. In Walter Stokmans Film bekommt man sie – wenn auch anders als geplant - erstmals zu hören.

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STATEMENTS

Walter Stokman über seinen Film
Als ich vor einiger Zeit im Nachtprogramm des Fernsehens noch einmal Sidney Lumets Film HUNDSTAGE sah, fiel mir etwas auf, was bisher meiner Aufmerksamkeit entgangen war. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte. Jedenfalls wird es am Ende des Films explizit gesagt. Je mehr ich darüber nachdachte, desto neugieriger wurde ich. Der Bankräuber musste also wirklich existieren. Nur wo steckte er und war wirklich alles so, wie sie es im Film zeigen? Ich machte mich also auf die Suche nach der wirklichen Story. Das war der Beginn von NACH EINER WAHREN GESCHICHTE. Ich hatte niemals erwartet, einen Bankräuber vorzufinden, der noch so dermaßen von der ganzen Geschichte gefangen ist wie John Wojtowicz. Er wollte allein im Mittelpunkt stehen und den Film komplett kontrollieren, aber er verlor die Kontrolle über die Geschichte als ich auf Berichte stieß, die seinen Aussagen wiedersprachen. Gut war es trotzdem.

John Wojtowicz über die Hintergründe
Der Hauptgrund warum ich am 22. und 23. August all das getan habe, ist in HUNDSTAGE nie richtig erklärt worden. Ich wollte einfach jemandem, den ich wirklich liebte, das Leben retten. Sein Name war Ernest Aron und er war transsexuell. Ernest wollte unbedingt eine Frau sein und sich umoperieren lassen. Er fühlte sich als Frau, gefangen in einem männlichen Körper. Dieser Umstand bereitete ihm unsagbare psychische Qualen, die sich in mehreren Selbstmordversuchen ausdrückten. Ich traf ihn 1971 auf einer italienischen Ladenstraße in New York, zwei Jahre nach der Trennung von meiner Frau Carmen und den zwei Kindern.
Ernest und ich haben am 04. Dezember 1971 im Greenwich Village römisch-katholisch "geheiratet". Wie die meisten Paare hatten wir so unsere Höhen und Tiefen, aber ich versuchte mein Bestes, das Geld, dass er für die Operation so dringend benötigte, aufzutreiben. Am 20. August 1972, einen Tag nach seinem Geburtstag, unternahm er einen weiteren Selbstmordversuch, als ich nicht zu Hause war. Er war bereits klinisch tot, jedoch gelang den Ärzten im Hospital seine Wiederbelebung. Man erklärte ihn kurzerhand für geisteskrank und er wurde auf die psychiatrische Station des Kings County Hospital in Brooklyn geschafft. Ich ging ihn sofort besuchen und wollte seine Entlassung erwirken, aber man erklärte mir, das sei unmöglich und sie müssten ihn noch eine ganze Zeit dabehalten bis man ihn als geheilt entlassen könne.
So begann ich am 22. August mit zwei Freunden das zu tun, was ich für notwendig hielt, um das Lebens von jemandem zu retten, den ich tief und innig liebte. Ich bedaure die Dinge, die dann passierten, aber am meisten bedaure ich, dass mein gerade 18jähriger Freund und Komplize, Sal Naturale, vom F.B.I erschossen wurde. Eine absolut unnötige Tat, denn er war praktisch aus dem Verkehr gezogen und unfähig, irgendetwas zu tun. Trotzdem erschoss ihn das F.B.I. vor meinen Augen. Die Darstellung in HUNDSTAGE ist absolut nicht so, wie es sich wirklich ereignete - auch in vielen anderen Szenen ist das so. Überhaupt entsprechen nur rund 30 Prozent von HUNDSTAGE der Wahrheit, obwohl es am Ende heißt: Dieser Film beruht auf einer wahren Geschichte, die sich in Brooklyn, New York ereignete.

Frank Pierson (Drehbuchautor HUNDSTAGE)
Es hat einiger Phantasie bedurft, um die bizarre Geschichte so hinzubekommen. Meiner Phantasie! Ausgehend von einem ‚Life’-Artikel der beiden Reporter Kluge und Moore, die den Fall des Bankräubers John Wojtowicz, genannt Littlejohn Busso, und dessen Lebensgeschichte aufgerollt hatten, machte ich Interviews mit Leuten aus der Bank, mit Johns Familienangehörigen und bekam auf diese Weise die Bruchstücke zum Porträt eines Mannes, der sowohl das heterosexuelle wie das homosexuelle Leben gekannt hat und der sich in jeder dieser verschiedenen Welten ganz anders gab. Jeder seiner Bekannten sah in ihm etwas anderes. Genau kannte ihn keiner. Aus dem Material, das ich bearbeitete und auch veränderte, baute ich den Charakter, den Al Pacino nun verkörpert, so, dass ich mir vorstellen könnte, John hätte in etwa das gesagt oder getan, was Pacino tut oder sagt. Aber: mit dem, was wirklich passiert ist, hat das nicht notwendigerweise viel zu tun.

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LINKS

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Stand 12/05 - Irrtümer vorbehalten