DIE TRÄUME NEAPELS
ein Film von Anna Bucchetti
Niederlande/ Italien 2005, 75 Minuten, s/w, OmU
Bundesstart: 1. Juni 2006
Wettbewerbsteilnahmen 2005:
IDFA (Joris Ivens Competition), International Film Festival Ukraine,
Visions de Réel, Flahertiana Russland,
Planete Doc Review Polen, Krakau Filmfestival, Silverdocs USA, Karlovy
Vary.
Buch + Regie Anna Bucchetti
Kamera Stefano Bertucchini
Schnitt Katarina Turler
Ton Bouwe Mulder
Tonmischung Paul Gies
Produzenten André Bos, Hans Mulder
Originalmusik Lucio Galiendo
Produktion Armadillo
INHALT
Das Lottoannahmegeschäft der Schwestern Angela und
Maria liegt in einem armen Quartier in der Altstadt Neapels. Ihre Kundschaft,
für die das Leben wenig Hoffnung auf ein besseres Schicksal parat
hält, vertraut darauf, dass für sie mithilfe der Lotterie
auf einen Schlag alles besser werden könnte. In Italien, dem Geburtsland
des Lottospiels, wird davon ausgegangen, dass das Glück mit System
herbeigeführt werden kann: Auf der Grundlage des Grimas-Buchs können
Träumen oder realen Ereignissen im Leben der Menschen bestimmte
Zahlen zugeordnet werden. Und mit diesem Buch kennen Angela und Maria
sich aus – schon ihre Vorfahren, die das Geschäft seit mehr
als 100 Jahren führten, haben diese spezielle Form der Numerologie
dazu verwendet, um die persönlichen Geschichten ihrer Kunden in
Zahlen und Zahlenreihen umzuwandeln.
Was bedeutet es, wenn eine Frau träumt, ihr Vater
sei barfuss in eine Wanne mit Wasser getreten? Die Lösung ist:
81 für das Verhältnis Vater-Tochter, 53 für den bloßen
Fuß, 39 für Wasser und 4 für die Wanne. Jetzt muss die
Kundin noch einen Hinweis darauf bekommen, ob dieser Traum ihr Glück
oder Pech bringt, dann setzt sie in der ricevitoria zwei Euro auf die
vier Zahlen. Nicht immer ist diese Aktion so einfach: manche Kunden
träumen angeblich von dreibeinigen Hühnern oder hinkenden
Küchenschaben, wofür es selbst im Grimas- Buch keine Entsprechung
gibt. Da ist dann Kreativität gefragt: mit welchen Gefühlen
war der Traum verbunden? (Lachen ist 19, Angst ist 90). Um das mögliche,
ziehbare Glück enger mit dem persönlichen Schicksal zu verbinden,
spielen viele Neapolitaner mit Zahlen, die schon ihre Eltern gesetzt
haben. So werden gleichzeitig tragische Vorfälle als Ausgangspunkte
des Glückspiels genutzt, gleichzeitig aber auch die Erinnerung
an verlorene Familienmitglieder wach gehalten.
Ab und zu kommen den Schwestern des Lottoladens, die mittlerweile
zum eigenen Schutz hinter einer Panzerglasscheibe sitzen, die Motive
ihrer Kunden doch etwas unmoralisch vor. Angehörige eines ermordeten
Mannes spiele die Zahlen der Rache, eine Streikgruppe der Gewerkschaft
nutzt die Besetzung einer Lottozentrale, um mal groß in die Schlagzeilen
zu kommen, und auch die Zahlen der Heiligen werden weniger aus Frömmigkeit
gesetzt, sondern weil man ganz profan auf einen großen Gewinn
hofft.
Doch der Film, der die Institution des Ladens und seiner
beiden Inhaberinnen als Umschlagplatz von intimen Lebensdetails in Zahlenmagie
porträtiert, entdeckt in diesem Mikrokosmos neapolitanischen Alltags
auch anrührende Geschichten: etwa die einer älteren Frau,
die 4 Kinder an die Drogensucht verloren hat (auch das ist Teil der
Realität der Stadt) und die außerdem mit ansehen musste,
wie eine weitere Tochter durch Nachlässigkeit der Ärzte bei
der Geburt ihres Kindes verstorben ist. Diese Frau setzt seit Jahren
die Geburtstage ihrer toten Kinder – sie hat damit nie etwas gewonnen,
wie sie erzählt, aber so kann sie sich ihnen immer noch nah fühlen.
Für den langsam erblindenden Historiker, der
den Alltag Neapels erst von seinem Balkon aus beobachtet und später
wissenschaftlich erforscht hat, hängt das Lottospielen mit jahrhundertealten
Formen der Numerologie zusammen, ähnlich der Zahlenmystik des Pythagoras
oder der Kabbala. Schon immer haben, wie er weiß, die Armen damit
versucht, ihr Leben zu interpretieren, um sich dem Schicksal nicht gänzlich
ausgeliefert zu fühlen.
Anna Bucchettis Film lässt sich ganz auf diese eigene, Außenstehenden
völlig fremde kleine Welt diesseits und jenseits der Glasscheibe
im Lottoladen ein, zeigt auch in den schwarzweißen, gleichzeitig
mythischen und vitalen Bildern von einer Stadt, dass hier alles aus
Zahlen und dem Spiel damit besteht: bei den Männern, die auf den
Straßen Karten spielen genauso wie bei den Frauen, für die
die Transsexuelle Patrizia für ganze Nachmittage ihre Wohnung ausräumt,
um mit ihnen Bingo zu veranstalten – ihr Lebenserwerb, den
sie kreativ dazu nutzt, neue, obszöne Bedeutungen für die
zufällig gezogenen Zahlen zu erfinden. „Neapel ist eine wunderbare
Stadt aus Zahlen“, behauptet ein Lottospieler. Einige Zahlen seien
offensichtlich, andere entstünden durch Phantasie. Reich werde
man dadurch zwar nicht – aber die Hoffnung lässt einen nachts
ruhig schlafen. DIE TRÄUME NEAPELS folgt beidem – der Phantasie
und der manchmal beunruhigenden Realität der Stadt. Ihren Bewohnern
wird dieses liebevolle Porträt damit jedenfalls gerecht: ihre Vitalität
bestimmt das Tempo des Films. In Neapel kann man nicht einfach warten,
dass im Leben was passiert – wie ein weiterer Protagonist im Film
sagt: „Man muss immer sein Glück suchen!“
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PRESSESTIMMEN
„Die Besessenheit der redseligen Klientel für die "richtigen
Zahlen" dient Bucchetti dazu, ein lebendiges Porträt des Lebens
in einem kleinen Viertel einer großen Stadt zu zeichnen, und ihr
Sinn für das Detail enthüllt ein Neapel, in dem das Leben
schwer fällt, das gleichzeitig grausam und trostspendend sein kann...
exquisit fotografiert...eye candy!“
(camera.co.uk)
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Stand 05/06 - Irrtümer vorbehalten
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