SPUREN IM EIS - The Prize of the Pole

ein Film von Staffan Julén
Schweden, Dänemark 2006
79 Minuten
kalaallisut./ engl. OmdU




 

KURZINHALT


Der US-amerikanische Polarforscher Robert E. Peary gilt als Entdecker des Nordpols. 1897 brachte er sechs Inuit nach New York, die dort den Schaulustigen vorgeführt wurden, während er selbst in Grönland ein Doppelleben mit einer anderen Frau führte. Die Verschleppung der Inuit überlebte am Ende nur der Junge Minik – was ist aus ihm geworden? Der Urenkel von Robert Peary begibt sich auf eine Spurensuche und erzählt eine Geschichte über Forscherdrang und kulturelle Zerrissenheit.


Top >>

INHALT

„Endlich der Pol! Der Lohn von drei Jahrhunderten! Mein Traum und mein Ziel seit 20 Jahren! Endlich mein! Ich kann es nicht fassen. Alles erscheint so einfach und so alltäglich. (...) Natürlich war ich von meinen Gefühlen so überwältigt, dass trotz äußerster Erschöpfung nicht an Schlaf zu denken war - es ist ein Gefühl, das man nur einmal im Leben hat.“

So beschreibt der Forscher Robert E. Peary seine langersehnte Ankunft am Nordpol am 6. April 1909 in seinem Tagebuch. „Traum und Ziel“ seines Lebens waren erreicht, als er als erster Mensch (so proklamierte er) den Pol erreichte und damit seine Forscherlaufbahn krönte. Schon vor seinem Tod 1920 wurden allerdings Zweifel an Pearys Darstellung seines Erfolges laut, die sich vor allem an dem eigenartig schnell zurückgelegten Rückweg entzündeten.

Aber auch sonst war Peary eine schillernde Figur – aus einer Zeit, in der es noch schwarze Löcher auf der Weltkarte gab, in der man noch mit mitleidigem Seitenblick auf andere, vermeintlich "rückständige" Völker die Erfolgsgeschichte der Zivilisation schrieb, in der man die weltumspannende Ausbreitung der westlichen Kultur als Naturgesetz verstand und gleichzeitig höchst wissenschaftlich fundiert das Bild des "glücklichen Wilden’ ausmalte.
Aus dieser Perspektive waren die Diskussionen um die Erforschung der Polargebiete eine Reflexion der westlichen Wissenschaften über ihre eigenen Erfolge – wie das Ganze von den dabei "Erforschten", den damals "Eskimos" genannten Ureinwohner Grönlands wahrgenommen wurde, ist eine andere Geschichte. Beide Geschichten, beide Perspektiven werden in diesem Film erzählt.

DER PREIS DES POLS hat zwei Protagonisten, deren Leben maßgeblich von den Forschungsreisen Pearys beeinflusst wurden. Regisseur Staffan Julén begleitet einen der Urenkel des Wissenschaftlers, der sich nach dem berühmten Vorfahren Robert Peary II genannt hat, aber Inuit ist und aus einer Verbindung Pearys mit einer Grönländerin stammt. Dieser Nachfahre folgt den Spuren des Urgroßvaters und erzählt gleichzeitig die Lebensgeschichte von Minik, einem Inuit, den Peary 1897 mit fünf weiteren Grönländern in die USA mitnahm.

Sowohl in Robert Peary II.s als auch in Miniks Geschichte werden Fragen nach kultureller Identität, nach Heimat, dem Selbstverständnis der Naturwissenschaften und dem Verständnis von anderen Kulturen laut – Peary, der Inuit mit dem "fremden’ Vorfahren, spiegelt sich dabei im Schicksal Miniks, des Inuit "in der Fremde" und diese Spiegelung zeigt, wie weit die Folgen des wissenschaftlich verbrämten Kolonialismus reichen.



Top >>

DIE GESCHICHTE VON ROBERT E. PEARY


Während seiner fast 20-jährigen Anstrengungen, den Nordpol zu erreichen, hält sich Peary ungewöhnlich lange im grönländischen Thule bei den Inuit auf. Für sie, die an kurze Besuche europäischer und amerikanischer Wissenschaftler gewöhnt waren, ist er der „erste Weiße, der blieb“ – ganze Winter lang. Er bindet die Ureinwohner Grönlands in seine Arbeit ein, eignet sich ihr Wissen bei der Bewältigung der menschenfeindlichen Natur an, gründet eine (in den USA geheim gehaltene) Familie mit einer Inuit, obwohl er in den USA verheiratet ist und auch diese Frau in Thule Mann und Kinder hat. Der Umstand, dass es für ihn immer schwieriger wird, bei seinen kurzen Aufenthalten in Amerika das Geld für seine Reisen zusammen zu bringen, veranlasst ihn 1897 dazu, sechs Inuit auf Anregung seines Hauptgeldgebers, dem Museum für Naturgeschichte in New York, mit in die USA zu bringen, damit man sie dort "studieren’ könne.


Top >>

DIE GESCHICHTE VON MINIK

Unter diesen Menschen ist auch ein Kind, Minik, den Peary zusammen mit seinem Vater Qihuk nach New York bringt. Die Inuit in Thule glauben bis heute, dass Minik dort ein berühmter Flieger im Ersten Weltkrieg oder zumindest einer von Al Capone’s Leuten wurde – die Wahrheit, die Robert E. Peary II. über hundert Jahre später auf seiner Spurensuche erfährt, sieht allerdings ganz anders aus.
Minik erlebt wie die anderen zur Reise überredeten Inuit seine Ankunft in der amerikanischen Großstadt als Kulturschock. Die New Yorker bezahlen 25 Cent, um die "Fremden’ zu bestaunen, und das Museum of Natural History läßt sie in seine Räume ziehen, die nach und nach zu einer "natürlichen Eskimo-Umgebung’ umgebaut werden, um sie dort problemlos "erforschen’, vermessen, fotografieren und bestaunen zu können.

Peary sammelt währenddessen auf seinen Reisen ein, was das Museum ihm abkauft: Knochen, Schädel, ganze Skelette, alles, was er an Zeichen der anderen Kultur (von der man ausging, dass sie bald aussterben würde) mitnehmen kann.

Ungewohnte Krankheiten sorgen dafür, dass außer Minik alle anderen New Yorker Inuit in der Fremde sterben. Der Junge, ohnehin ohne Mutter aufgewachsen, wird somit zur Waise und kurzerhand vom Direktor des Museums William Wallace "adoptiert’ (was nie rechtlich vollzogen wird). Wallace findet Gefallen an der Idee, zu verfolgen, wie ein "wildes’ Kind die Zivilisation adaptiert. Minik wird in der Schule gehänselt, reagiert aggressiv und kommt erst zur Ruhe, als Wallace mit ihm auf eine Farm im ländlichen New York zieht. Doch je älter er wird, desto mehr beginnt er, seine eigene Existenz zu hinterfragen und reagiert schockiert, als er im Rahmen einer Schulforschung das Skelett seines Vaters in einem Museum hängen sieht (das Museum hatte ihn präpariert und nicht, wie bekannt gegeben, im Museumsgarten beerdigt). Die Suche nach dem Mann, der ihn einst nach New York gebracht hat, scheitert am Unwillen von Robert Peary, sich um Minik zu kümmern. Irgendwann schafft es Minik, zu seinen Verwandten nach Grönland zu gelangen – um sich auch dort als Fremder zu fühlen. Nach einer Zeit der Umherirrens in den USA und einer vom Museum of Natural History organisierten Nordpol-Expedition landet Minik schließlich in New Hampshire, erkrankt an der spanischen Grippe und stirbt als 31jähriger. Kurz vor seinem Tod kündigt er noch die Veröffentlichung seiner Lebensgeschichte an – das Manuskript wird nie gefunden.


Top >>

DIE GESCHICHTE VON ROBERT E. PEARY II

Der Urenkel des Forschers ist der eigentliche Protagonist des Films – auf seiner Spurensuche bringt er die Biographien von Robert Peary und Minik in Erfahrung und lässt die Zeitzeugen berichten. Seine eigene Position ist dabei von Bewunderung für den Polarforscher genauso geprägt wie von der Anteilnahme am Schicksal des verschleppten Inuit. Selbst in Dänemark aufgewachsen und erst mit über 20 Jahren in seine grönländische Heimat zurückgekehrt, ist seine kulturelle Identität ähnlich gebrochen wie jene von Peary und Minik. Was er auf seiner Reise erfährt – Geschichten über das Doppelleben des berühmten Forschers, das traurige Schicksal des Inuit-Jungen, über westliche Wissenschaftler, die die mittlerweile umstrittenen Peary-Ausstellungen schließen und Inuit, die ihr westliches Erbe verleugnen – hat mehr mit ihm selbst zu tun, als er zunächst denkt. Und der Zuschauer von Staffan Juléns Film begreift allmählich die vielen Facetten und Perspektiven der Geschichte von der Eroberung des Nordpols, dem „Traum und Ziel“ von Robert E. Peary.



Top >>

TEAM

Regie und Buch...................: Staffan Julé
Kamera..............................: Camilla Hjelm Knudsen (DFF), Torben Forsberg (DFF)
Schnitt................................: Clas Lindberg, Staffan Julén, Yva Fabricus
Ton....................................: Jens Bønding
Musik.................................: Frithjof Toksvig
Grönländischer Erzähler........: Robert Peary II
Englischer Erzähler...............: Dylan Williams
Produzenten........................: Michael Haslund-Christensen, Jesper Morthorst
Ausführender Produzent........: Michael Haslund-Christensen


Eine Produktion von Haslund Film & Nimbus Film mit Eden Film AB und Maximage

Mit Robert E. Peary II, Inuqusiaq Piloq, Benigne K’Aerngâq, Naimángitsoq Kristiansen u.a.

Drehorte: Thule (Grönland), New York, Washington, Eagle Island, New Hampshire, Kopenhagen, Nordpol

 


Top >>

FESTIVALS


CPH:DOX: Copenhagen Dox Amnesty Award 2006
Hot Docs Canadian International Documentary Festival 2007
DocAviv - International Documentary Film Festival 2007
Vera Film Festival 2007
One World - International Human Rights Documentary Films Festival 2007
außerdem in Odense, Göteborg, Prag, Thessaloniki, Warschau


Top >>

AUS DER BEGRÜNDUNG DER JURY DES COPENHAGEN DOX AMNESTY AWARD:


„Dokumentarfilme sind ein guter Weg, um zu zeigen, was Menschenrechte – oder die Verletzung von Menschenrechten – den Menschen in ihrem alltäglichen Leben bedeuten. Dokumentarfilme können unsere Augen öffnen gegenüber den oftmals schwierigen Realitäten des Lebens. Sie können aber auch Hoffnung vermitteln, Wege aufzeigen, die man einschlagen muss, um den Respekt vor den Menschenrechten zu gewährleisten.
DER PREIS DES POLS, der Film von Staffan Julén, ist ein bewegender Dokumentarfilm über den Kolonialismus des 19. Jahrhunderts und seine bis heute andauernden Folgen. In den nächsten Jahren wird Amnesty International verstärkt daran arbeiten, die ökonomischen, sozialen und kulturellen Rechte in einer Weise einzufordern, die mit unserer traditionellen Fokussierung auf bürgerliche und politische Rechte vergleichbar ist.
Wir hoffen, dass die Geschichte von Minik dabei helfen kann, die Wichtigkeit des Schutzes von autochthonen Völkern und kulturellen Minderheiten zu vermitteln.“


Top >>

AUSGEWÄHLTE PRESSEFOTOS





Top >>

Links

Die Webseite der Produktionsfirma zum Film:
www.haslund.org

Einen Überblick über die Geschichte der "Eroberung" des Nordpols:
www.bujack.de/berichte/historie/nordpol.htm

Robert E. Pearys Bericht seiner Nordpol-Entdeckung: www.nationalgeographic.de/php/magazin/topstories/2002/special_entdecker/topstory4.htm

Die Biographie von Minik:
http://de.wikipedia.org/wiki/Minik_Wallace

Mehr Informationen zum Internationalen Polarjahr 2007/08 finden Sie unter http://www.polarjahr.de


 

Top >>



Stand 05/07 - Irrtümer vorbehalten