DER
KUSS DER TOSCA - IL BACIO DI TOSCA
Il Bacio di Tosca
ein Film von Daniel Schmid
Dokumentarfilm, Schweiz 1984, 87 Minuten, Farbe, OmU
PRESSENOTIZ
Am 6. August dieses Jahres verstarb der Schweizer Film-, Fernseh- und
Opernregisseur Daniel Schmid im Alter von 64 Jahren. Mit der Wiederaufführung
von DER KUSS DER TOSCA, den viele für seinen schönsten Film
halten, erinnert die Edition Salzgeber an den „Imagier“
(R. Jula) des europäische Kinos.
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KURZINHALT
An der Piazza Buonarotti in Mailand liegt heute noch Giuseppe Verdis
"schönstes Werk", wie er selbst sagte. Es ist die "Casa
di riposa", ein Altersheim, 1896 von ihm gegründet für
Menschen, "die weniger Glück hatten als ich". Menschen,
bei denen die große Karriere nie stattgefunden hat - und andere,
Erfolgreichere, deren Traumgagen längst aufgebraucht sind. Heute
leben sie alle vergessen in einem kleinen Zimmer mit einem Koffer voller
Erinnerungen. Doch wer einmal von der Tosca geküsst wurde, lebt
weiter für die Kunst, für das Scheinwerferlicht und die Selbstdarstellung.
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DANIEL
SCHMID ÜBER SEINEN FILM
Ich verstehe mich selbst immer mehr als Grenzgänger auf der schwankenden
Linie zwischen Wirklichkeit und Traum, zwischen Realität und Imagination.
Seit ich mich erinnern kann, habe ich auf diesem schmalen Grenzpfade
Sachen hinüber- und herübergeschmuggelt.
Einen Film zu machen mit alten Opernstars, die längst vergessen
in einem Palazzo in Mailand leben, kam meinem Interesse für dieses
Grenzgebiet zwischen Fiktion und Dokumentation entgegen.
Die Gefahr, die das Thema an sich beinhaltet, nämlich das Pathetische
verbunden mit dem Banalen, das Groteske daran und die damit wieder verbundene
Bloßstellung, war mir bewusst. Auch hier dieser schwankende Grenzpfad.
Diese ehemaligen Sängerinnen und Sänger leben alle die Geschichte
ihres Lebens in einem fiktiven Raum und keiner weiß mehr genau,
was wahr ist und was war. Sie behaupten, sie seien 80 Jahre alt, und
sind 90; die Koffer stehen reisefertig im Zimmer, obwohl sie schon seit
zehn, zwanzig Jahren hier wohnen. Und die Zeit seit dem letzten Auftritt
schrumpft auf wenige Jahre zusammen. Fragt man sie, wann sie die letzte
Platte besungen haben, antworten sie: «Es sind mindestens drei,
vier Jahre her» - in Wirklichkeit aber sind vielleicht 40 oder
45 Jahre vergangen. Die Grenze zwischen Realität und Einbildung
verschiebt sich bei ihnen in äußerster Transparenz, was mir
sehr liegt, da dies auch bei mir dauernd der Fall ist. Es bildet sich
eine Art Zwischenrealität heraus; denn wenn man sich dreißig
Jahre lang etwas eingebildet hat, dann wird man zu dem, ob es stattgefunden
hat oder nicht. Dazu kommt, dass die einstigen Sängerinnen und
Sänger sich durch die notwendige, gesunde Portion Exhibitionismus
auszeichnen, die es braucht, um auftreten zu können. Und schließlich
war unsere Arbeit selbst der Versuch eines Spiels mit den Grenzen zwischen
Dokumentation und Fiktion. Um das zu verdeutlichen, muss ich ein wenig
ausholen: Jede Filmaufnahme ist, durch das Vorhandensein der Kamera,
ein terroristischer, pornographischer Akt. Und je ernsthafter unser
Metier ausgeübt sein will - im handwerklichen Sinn, denn ich verstehe
mich nicht als Künstler, sondern als Handwerker - desto mehr ist
man in einer vampiristischen Rolle; das heißt, man saugt die Kraft
derer, die davorstehen aus und provoziert sie dadurch. Das war sicher
auch in Mailand der Fall; nur wussten diese Leute von der Bühne
bestens was los war. Das gab uns von vornherein die Möglichkeit,
mit ihnen als Komplizen zu rechnen und spielerisch miteinander umzugehen.
Es existiert ja eine fließende Abhängigkeit zwischen «Vampiren»
und ihren «Opfern».
Dies hat sicher mit Manipulation zu tun; aber erstens ist dies die Basis
jeglicher Regiearbeit, und zweitens fand sie hier in einem komplizenhaften
Verhältnis statt. Ein alter Sänger lagerte im Keller noch
seinen großen Koffer von den Transatlantik-Tourneen. Wir hörten
davon und gingen gemeinsam in den Keller und drehten die Szene mit dem
alten Opernehepaar, das seine Kostüme von längst vergangenen
Aufführungen anprobierte. Oder die Geschichte mit Sara Scuderi,
die in den zwanziger Jahren eine der großartigsten Tosca-Darstellerinnen
war und heute 80 Jahre zählt: Sie wollte nicht singen, da es ihr
der Arzt verboten habe. Aber als ich am Klavier ein Puccini-Motiv anschlug,
veränderte sich etwas in ihr, und sie wurde für einen Augenblick
wieder eine Primadonna, die 3000 Zuschauer vor sich hat. Und für
den Schluss des Filmes bauten wir bei einem Vorhang der Casa eine Bühne
auf, spielten einen Applaus der Scala ein und inszenierten «Last
Curtain Calls». Alle kamen hinter dem Vorhang hervor und verbeugten
sich ein letztes Mal. Ja, hinter dem Vorhang ging ein Gerangel los,
Stücke wurden weggeschmissen, das Alter, die Schmerzen, die Gebrechen
waren vergessen, und es wurde nach vorne gedrängt - im vollen Bewusstsein,
dass dies eine fingierte Situation war.
Auch wenn die Gesten und Allüren dieser ehemaligen Stars bisweilen
groteske Züge annehmen, strahlen sie auch eine Würde und Größe
aus, die einzigartig ist. Die Institution «Casa Verdi» als
Ganzes ist etwas Wunderbares; sie befindet sich auch im für mich
großartigsten, menschlichsten Land der Welt. Wenn Kultur das ist,
was übrigbleibt, wenn man alles vergessen hat, so ist das in Italien
dauernd und überall gegenwärtig. In der «Casa Verdi»
sind sogar die Zimmermädchen Enzyklopädien des dramatischen
Musiklebens: Dieses Personal hätte Pasolinis Herz entzückt.
In keinem anderen Land gibt es etwas ähnliches. Nur in Italien
gibt es diese Art von humaner Kultur, die keine «bürgerliche»
ist, die alles durchdringt und die auch die Existenz einer solchen Institution
in ihrer Einmaligkeit erlaubt.
«La voce in bellezza», das sind ein paar Jahre, vielleicht
zehn; und irgendwann ist der Punkt erreicht, wo es talwärts geht
und der Sänger sich fragen muss, ob er aufhören soll oder
nicht. Die Bewohner der «Casa Verdi» haben diese Erfahrung
alle hinter sich und sitzen nun hier in ihren Zimmern - geschützter
als andere alte Leute; denn die Casa hat einen Arzt, drei Schwestern,
ein physiotherapeutisches Institut und insgesamt etwa zwanzig Angestellte,
die sich um das Wohl der Pensionäre kümmern. Der äußere
Rahmen ihres Lebens hat sich reduziert auf die in allen Zimmern identische
Einrichtung, auf ein paar Erinnerungsfotos, Postkarten und den Fernseher,
an dem sie sich ab und zu eine Opernübertragung anschauen: Auf
der ganzen Welt findet sich kein kritischeres Opernpublikum: Fast alle
Aufführungen fallen bei ihnen durch, und besonders scharf werden
die Sängerinnen und Sänger mit der jeweils gleichen Stimmlage
kritisiert. In diesen kleinen Zimmern, die gar nicht an die großartigen
Aufenthaltsräume der Casa erinnern, sitzen sie vormittags, beschäftigt
mit den stundenlangen Vorbereitungen für den «Auftritt»
um 11 Uhr im Korridor. In den Gängen irren sie dann herum und warten,
immer eine Stunde zu früh, in der Nähe des Speisesaals auf
das Mittagessen. Einen «Auftritt» erlebte ich zum Beispiel
im Fernsehzimmer, als ein ehemaliger Opernstar eintrat, das Eurovisionslied
hörte und diese Musik mitsingend durch das leere Fernsehzimmer
schwebte - so wie sie vermutlich auf der Scala-Bühne aufgetreten
war.
Diese Auftritte sind ein immerwährendes «So Tun als ob»,
ein dauernd überhöhter Schritt. Aber es hat mich beeindruckt,
dass jeder auf seinem eigenen «Sender» ist, seiner eigenen
«Radiostation», dass es kaum Freundschaften gibt. Dagegen
herrscht noch immer heftige Konkurrenz, die anscheinend auch jung erhält:
Will man mit jemandem reden, behaupten andere, diese Person sei gestorben.
Dann öffnet sich die Türe, und die für tot Erklärte
erscheint. In dieser Hinsicht sind sie absolut schamlos. Einmal habe
ich offensichtlich zu ausführlich mit einer alten Sängerin
gesprochen; am nächsten Tag war jedenfalls ihr Porträt von
Puccini, das er ihr persönlich gewidmet hat, total zerkratzt. Und
als ich fragte, wer zum Galaabend in die Scala komme, war die Reaktion
allerorten die gleiche: «Für wen? Für die Callas? Nein,
ich glaube nicht, dass ich gehe.» Sie lehnten auch wieder aus
Konkurrenzgründen ab, aber auch, weil sie überzeugt sind,
dass die Scala und die Oper allgemein sich im Niedergang befinden, und
weil die Opern, in denen sie einmal gesungen haben, sie schmerzlich
berühren.
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PRESSESTIMMEN
IL BACIO DI TOSCA ist ein Film, der tief anrührt,
und er tut das, weil er schön ist. Seine Schönheit hat mancherlei
Gründe. Entscheidend davon ist einer: die Kamera von Renato Berta.
Sie arbeitet technisch natürlich mit größter Sorgfalt,
sie geht in zartesten Nuancen auf Stimmungen ein, vor allem aber kümmert
sich mit einer Feinfühligkeit um die vor ihr agierenden Menschen,
die mehr anzeigt als nur Aufmerksamkeit, die Teilname ausdrückt.
Aber die Schönheit hat noch andere Gründe. Die Echtheit der
Gesichter ist einer unter ihnen: dieser Gesichter alter Männer
und Frauen, in deren Augen und Furchen, in deren Verfall und Verwüstungen
sich ein langes, ein heftiges Leben, Erfolg und Enttäuschung, Jubel
und Verlust abgelagert haben. Es sind Gesichter, die darum wissen, wie
sie aussehen und was auf ihnen vorgeht, und die, wie jede Gebärde
auch sonst, die Gebärden der Hände und des ganzen Körpers,
das unnachahmliche Talent der ständigen schauspielerischen Exhibition
besitzen.»
Neue Zürcher Zeitung
« Wie quietschfidel Greise auf der Leinwand leben,
bewies Daniel Schmids wunderbar aufmerksamer Film ‚Il bacio di
Tosca‘. Er spielt in einem Mailänder Altersheim, der Casa
Verdi. Insassen sind alte Primadonnen, Chorsänger und Orchestermusiker,
die einmal am Tag zu Gott und Verdi beten, dessen Tantieme diese Stiftung
tragen: Casa Verdi, das klingt wie eine Firma, die Erinnerungen ans
Opernleben der zwanziger Jahre auswertet. Schmid und sein Kameramann
Renato Berta (der auch für Straub und Tanner arbeitet) suchen nach
anderem als einer Hitparade des Belcanto von Verdi bis Puccini. Sie
lassen die Alten die kleinen Beiläufigkeiten der Musikgeschichte
erzählen, vorsingen und nacherleben. «Der Kuss der Tosca»-,
das ist, erinnert man sich, eine höhnische Zärtlichkeit, die
Tosca dem Polizeipräsidenten, der ihren Geliebten auf dem Gewissen
hat, - mit einem Dolchstoss erweist. Hier wird die Todesszene mit «Toscas»
Krückstock und Strickjäckchen nachgestellt. Ihr Partner bricht
neben der Telephonzelle im Altersheim zusammen. Das ist ein scharf markierter
Realismus, komisch und karg, der sich nie über die Hinfälligkeit
der Sänger mokiert. Stellen wir uns nur vor, die kommende Generation
drehte eine Dokumentation über ein kalifornisches Heim alter Rockstars,
dann wird die Ambivalenz der Anteilnahme deutlich.»
Die Zeit
«Sicher ist dieser dokumentarische Spielfilm
nicht ohne Regieanweisungen erarbeitet, aber das stört nicht: Daniel
Schmid geht mit den alten Menschen so liebevoll zärtlich um, macht
sich nicht lustig über zitternde Stimmen, über den Stolz und
das Prahlerische; sie sind nicht Schatten der Vergangenheit, sondern
lebensvolle Menschen, die sich stolz erinnern, aber auch zu ihren Schwächen
stehen. Ein faszinierender, reicher und schöner Film.»
Süddeutsche Zeitung
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DANIEL
SCHMID (1941 - 2006)
Geboren am 26. Dezember 1941 im Zimmer 111 des »Schweizerhofs«
in Graubünden, das den Großeltern gehörte und das er
1992 im Film ZWISCHENSAISON porträtierte. 1962–68 Studium
der Geschichte und Publizistik an der FU Berlin. 1966–69 Studium
an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Seit 1970 Filme für
Kino & Fernsehen, Inszenierungen für Opern & Theater, Rollen
als Schauspieler, Buchautor. Am 6. August 2006 in seinem Heimatort Flims
gestorben.
Filmografie:
| 1970 |
|
THUT ALLES
IM FINSTERN, EUREM HERRN DAS LICHT ZU ERSPAREN |
| 1972 |
|
HEUTE NACHT
ODER NIE |
| 1974 |
|
LA PALOMA
|
1975/
1976 |
|
SCHATTEN DER
ENGEL |
| 1977 |
|
VIOLANTA
|
| 1981 |
|
NOTRE
DAME DE LA CROISETTE
|
| 1982 |
|
HÉCATE
|
| 1984 |
|
IL BACIO DI
TOSCA |
| 1987 |
|
JENATSCH
|
| 1992 |
|
HORS SAISON/
ZWISCHENSAISON |
| 1995 |
|
DAS GESCHRIEBENE
GESICHT |
| 1999 |
|
BERESINA oder
DIE LETZTEN TAGE DER SCHWEIZ |
| 200? |
|
PORTO VERO
(unvollendet) |
«In den Filmen Daniel Schmids sucht man vergebens
nach realistisch-sozialer Milieubeschreibung und nach psychologischem
Verismus. Nicht nur die Hauptfiguren, alle andern ebenfalls, ein jeder
von ihnen in seiner Art, bewegen sich zu den Grenzen hin, an diesen
entlang, über diese hinweg, hinter denen sie in Tiefen vordringen,
die das Bewusstsein scheut, von denen die Vernunft sich abkehren will,
in denen aber das Leben erst ganz von einem Besitz ergreift. Die Menschen
in seinen Filmen sind eingetaucht in eine Wahnlandschaft, die Proportionen
sind verschoben; die Normen, welche die Wirklichkeit bestimmen, sind
aufgehoben; die Räume, in denen das Leben sich abspielt, in Traumlandschaften
verwandelt.»
Martin Schlappner in der Neuen Zürcher Zeitung
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Stand 08/06 - Irrtümer vorbehalten
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